Neujahr 2011. Früher Nachmittag.

Die Silvesternacht steckt vielen auf der Rettungswache noch in den Knochen und manchem zusätzlich schwer im Kopf. Auch mir. Blöd. Ich war bis 3 Uhr auf einer Feier und um 6 Uhr rief mich mein Wecker zum Dienst…

„Nächstes Jahr gucke ich ´Dinner for one´ und gehe danach ins Bett. Ich schwöre!“. Mein Vorsatz fürs kommende Silvester steht schon heute felsenfest.

Wir liegen verteilt auf den Sofas vorm Fernseher und schauen das Neujahrs-Skispringen. In der Mitte des zweiten Durchgangs werde ich aus meinem Phlegma gerissen. Es piept.

„Bewusstseinsgestörte Person, 56, männlich“

Ich stehe auf und gehe ich zum signalroten VW-Bus. Tobi überholt mich in der Umkleide beim Stiefelanziehen, setzt sich dann rasch ans Steuer und meldet über Funk die Übernahme des Einsatzes.

Wir müssen in einen kleinen Ort, der etwa 15 Kilometer westlich vor den Toren Stuttgarts liegt. Wir kommen mit unserem Blaulicht problemlos voran. Offenbar lecken die meisten Einwohner der Landeshauptstadt ihre Silvesterwunden vor dem Fernsehapparat.

Gegen 15.30 Uhr erreichen wir das an der Hauptstraße des Örtchens gelegene Einfamilienhaus. Auf mein Klingeln hin wird uns geöffnet.

„Frohes Neues!“ sage ich zur Begrüßung und dann weiter: „Wem geht es denn nicht gut?“

„Mein Mann ist krank. Seit gestern hat er Husten.“ antwortet mir die etwa 40-jährige Frau und geht uns im Treppenhaus voraus.

„Sie rufen den Notarzt wegen Husten?“ frage ich mit beinahe säuerlichem Unterton, mindestens aber sehr erstaunt, zurück.

„Ja. Aber ein ganz schlimmer Husten. Bei jeder Attacke wird mein Mann für wenige Sekunden bewusstlos. Seit heute morgen bestimmt schon zehnmal!“

„Ja, nee, ist klar! Kurz husten und zack zehnmal ohnmächtig. Ist ja das Normalste der Welt!“ denke ich. Bevor ich das aber ausspreche, frage ich skeptisch:

„Wie? Bewusstlos? Sie meinen richtig ohnmächtig?“

Ich bin mir sicher, dass die Frau mich veräppeln will.

„Ja, genau so, wie ich Ihnen gesagt habe!“ antwortet die Frau jetzt energisch.

So etwas habe ich noch nie gehört und denke eher an „körperliche Schwäche“ nach exzessiver Silvesterparty.

Wir erreichen das Wohnzimmer, wo Herr Kolbe unter einer Decke auf dem Sofa vor dem Fernseher liegt. Der ganze Raum riecht penetrant nach „24-Stunden-Silvestermarathon“: kalter Zigarettenrauch und süßlicher Alkoholmuff. Dazu auf dem Wohnzimmertisch eine Schale mit „Nudelsalat von gestern“ und labberige Chips. Mich gruselt es.

„Hallo Herr Kolbe, ich bin der Notarzt. Ihre Frau hat mir gerade schon berichtet. Wie geht es Ihnen denn jetzt?“

„Ach, eigentlich gut! Ein bisschen erkältet seit zwei Tagen. Und noch kaputt von der Feier letzte Nacht!“ berichtet er mit einem Augenzwinkern.

„Erinnern Sie sich daran, dass sie ohnmächtig geworden sind?“

„Nein. Hat mir meine Frau auch erzählt. Ich kann das nicht glauben.“

„Tut Ihnen irgendetwas weh? Kopfschmerzen? Nackenschmerzen? Oder sonst was?“

„Nein. Mir tut nichts weh. Höchstens mein Hals. Ein bisschen von der Erkältung.“

„Haben Sie Allergien? Andere wesentliche Erkrankungen?“

„Nein.“

„Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein?“

„Das schon! Ich habe chronisches Asthma. Dafür habe ich vom Hausarzt ein Spray bekommen.“ antwortet er und zeigt auf die Packung „Salbutamol-Spray“, die auf dem Fernseher liegt.

„Sonst nichts?“

„Nein.“

„OK. Wir werden Sie jetzt mal kurz verkabeln, ein EKG schreiben, den Blutdruck messen usw. Und dann sehen wir weiter.“

Die Sanis sind schnell am Werk, wollen sicher, genau wie ich, wieder rasch zurück aufs Sofa. Nach ein paar Minuten haben wir die Ergebnisse: Blutdruck normal, Puls und EKG in Ordnung, keine Nackensteifigkeit, gleich weite Pupillen und auch der Blutzucker im Normbereich. Lediglich die Sauerstoffsättigung des Blutes ist mit 93% etwas zu niedrig. In Anbetracht des berichteten Asthma aber in Ordnung. Alles in allem ist Herr Kolbe, bis auf sein Asthma und die momentane Erkältung, offenbar kerngesund.

Genauso, wie ich es mir schon an der Haustür gedacht habe. Husten und Ohnmacht, was für ein Quatsch!

„Ihre Werte sind alle prima. Überhaupt kein Grund zur Sorge. Wir entkabeln Sie jetzt wieder und dann können Sie sich weiter ausruhen.“

„Das ist schön. Ruhe kann ich nach dieser Nacht gut vertragen!“ antwortet Herr Kolbe grinsend.

Heiko beginnt gleich damit, die EKG-Kabel von der Brust unseres Patienten zu entfernen. In dieser Sekunde überkommt Herrn Kolbe ein heftiger Hustenanfall. Und tatsächlich:  er verdreht die Augen und sackt in sich zusammen.

Heiko, der unmittelbar neben dem Patienten kniet, reagiert blitzschnell, rüttelt kräftig an Herrn Kolbe und sagt laut:

„Hallo Herr Kolbe! Wach werden!“

Aber Herr Kolbe wird nicht wach. Blöderweise sind die EKG-Kabel schon ab, so dass ich auf dem Monitor nur die gerade Test-Linie sehe. Leidet der Patient doch unter einer immer wieder eintretenden, jeweils nur kurzzeitigen Herzrhythmusstörung, die ihn ohnmächtig werden lässt?

Heiko denkt offenbar das gleiche und haut Herrn Kolbe nur einen kurzen Augenblick nach seiner Rüttelattacke mit voller Kraft mit der Faust auf dessen Brustkorb!

Und tatsächlich: der Patient öffnet unmitelbar wieder die Augen. Er ist erst noch etwas schläfrig, innerhalb weniger Momente ist er aber wieder völlig klar und unterhält sich mit uns.

„Herr Kolbe, wir müssen Sie doch ins Krankenhaus mitnehmen. Irgendwas stimmt nicht mit Ihnen. Sie waren eben tatsächlich nach dem Hustenanfall kurz bewusstlos. Ich weiss aber nicht woran das lag. Das muss dringend abgeklärt werden.“

„Jetzt machen Sie mir aber Angst!“ antwortet er kleinlaut.

„Wir werden Sie erneut an unseren Überwachungsmonitor anschließen und einen Tropf legen. Alles zu Ihrer Sicherheit! Meinen Sie, dass Sie bis zum Rettungswagen laufen können?“

„Müsste klappen. Mir geht es ja so, als wäre nichts gewesen.“

Wir packen unser Material schnell zusammen und gehen dann mit dem Patienten zum Auto.

Auf dem Weg zum Auto flüstert mir Heiko „Hoffentlich muss er nicht gleich wieder husten“ zu. Ich nicke, denn gedacht habe ich exakt dasselbe.

Mit Blaulicht und Martinshorn erreichen wir gegen 16.30 Uhr die Klinik, ohne dass Herr Kolbe nochmal husten musste. Gottseidank!


Nachtrag: Was verbarg sich hinter der mir unbekannten Kombination aus Hustenanfällen und Bewusstlosigkeit? War es bloßer Zufall? Tatsächlich kurzzeitige Herzrhythmusstörungen, die mittels „präkordialem Faustschlag“ limitiert werden können?

NEIN. Ganz falsch. Die Erklärung bekam ich zwei Tage später vom Oberarzt der Kardiologie, der Herrn Kolbe im Weiteren betreut hatte. Die Untersuchungen des Herzrhythmus von Herrn Kolbe zeigten sämtlich unauffällige Befunde. Unser Patient litt stattdessen an sog. „Hustensynkopen“.

trump


Hustensynkopen sind eine seltene Erkrankung, bei der es i. R. von schweren Hustenanfällen zu einem kurzzeitigen Verkrampfen des Zwerchfellmuskels kommt. Durch diesen Atemmuskel, der den Brustkorb vom Bauchraum trennt, verlaufen verschiedene, sehr wichtige anatomische Strukturen: die Speiseröhre, die Hauptschlagader und die untere Hohlvene. Diese Vene transportiert das gesamte Blut der unteren Körperhälfte zurück zum Herz. Kommt es, wie bei Herrn Kolbe, zu einem Krampf des Zwerchfells, so wird diese Vene zusammengepresst, und das Blut kann für kurze Zeit nicht in das Herz gelangen. Der „Motor“ läuft sozusagen kurzfristig leer, mit der Folge, dass das Gehirn für einen Moment nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden kann. Ohnmacht ist die Folge.


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Lektorat: T. Kehler

Foto: getworldmedia.com