Babuschka (russisch Ба́бушка) ist die russische Verkleinerungsform des Wortes Baba (russ. Баба), das wörtlich übersetzt „Frau“ oder „Weib“ bedeutet. Im Russischen bedeutet Babuschka so viel wie „Großmutter“ und „Oma“. (Quelle: Wikipedia)

Frühling 2015 – 19.15 Uhr.

Gerade hat die Besatzung der Nachtschicht den Frühdienst abgelöst. Die Jungs sind wohl unten in der Fahrzeughalle und überprüfen die Rettungsautos. Ich sitze zur gleichen Zeit alleine in der Küche und schnippele Obstsalat. Magerquark mit Früchten gibt es heute abend. In zwei Monaten geht es in den Urlaub. Und auch bezüglich meiner Badehosenfigur gilt die alte Weisheit: die Hoffnung stirbt zuletzt…

Gerade als meine Finger vom Kiwi-Schneiden komplett glitschig sind, da piept es in meiner Hosentasche. Schnell an’s Waschbecken, kurz die Hände abspülen und anschließend abtrocknen, dann kann ich einen Blick auf meinen Alarmmelder werfen.

„Bewußtlose Person, weiblich, 83“

Ich laufe in die Halle zum Notarztwagen. Andi sitzt schon im BMW und tippt die gemeldete Adresse in das Navi.

„Wo ist unser Rettungswagen? So langsam war ich doch gar nicht?“ frage ich den Sani.

„Die haben vor zwei, drei Minuten einen anderen Einsatz bekommen. Bin gespannt welchen Rettungswagen uns die Leitstelle schickt!“

Blaulicht an und los.

„65-88-1 von Leitstelle!“ werden wir kurz nach Verlassen der Rettungswache über Funk gerufen.

„Hier 65-88-1“ antwortet Andi.

„Dazu kommt der RTW 47-83-1. Ist zur Zeit kein anderer frei.“

„Verstanden!“ antwortet der Sani und hängt den Hörer des Funkgerätes zurück in dessen Halterung.

„Na super! Dann müssen wir mindestens 20 Minuten erstmal alleine klarkommen!“ kommentiere ich die Nachricht.

Sechs Minuten später erreichen wir die Reihenhaussiedlung „An der Kuppe“. Auf der schmalen Straße steht ein Jugendlicher und winkt uns zu, als er das Blaulicht sieht. Andi parkt unser Auto mangels freier Parkplätze mitten auf der Straße. Wir steigen flott aus und nehmen unser Notfallequipment aus der Heckklappe.

„Bitte kommen Sie. Meine Oma ist zusammen gebrochen!“ berichtet der Jugendliche.

Er geht uns voraus, einen kleinen Stichweg entlang der Reihenhäuser, dann folgen wir ihm durch den gepflegten Vorgarten von Haus Nummer 8. Über der Eingangstür tanzt ein silberfarbener Luftballon mit einer roten „16“ darauf. Rasch durch den aufgeräumten Flur, erreichen wir in das Wohnzimmer. Hier drin ist es affenheiß.

„Kein Wunder“, denke ich, „unzählige Menschen und überall brennende Kerzen!“

In dem Raum sind sicher 14-16 Personen. Aber nicht nur die machen es eng: in der Mitte des Raumes steht eine Festtafel, die unter Speisen und Getränken einzustürzen droht. Sie allein nimmt den halben Raum ein. Ich kann zunächst keine Oma entdecken, jedenfalls keine ohnmächtige. Einige ältere Frauen mit bunten Kopftüchern sitzen an der Tafel und unterhalten sich leise. Allesamt auf meinen ersten Blick mopsfidel.

„Guten Tag, wem geht es denn nicht gut?“ frage ich in die Runde.

„Schauen Sie bitte links hinter der Vitrine. Auf dem Sofa liegt Oma Anjuscha!“ antwortet mir ein Mittdreißiger im Hemd mit Krawatte.

Mühsam schaffen Andi und ich den Weg vorbei an der gedeckten Tafel, ohne den Tisch mit unseren Rucksäcken versehentlich abzuräumen. Oma Anjuscha ist umringt von Frauen unterschiedlichen Alters. Eine hält die Hand der Seniorin, eine andere tupft ihr gerade die Stirn mit einem Waschlappen ab.

„Was ist denn passiert?“ frage ich.

„Nu, Babuschka war pletzlich komisch in Kopp. Dann sie macht Augen zu!“ antwortet mir die ältere Frau mit dem Waschlappen in reinstem Spätaussiedler-Deutsch.

Die Babuschka schaut mich aus ihrem faltigen Gesicht mit großen, freundlichen Augen an. Ich stelle mich kurz vor und frage dann:

„Wie geht es Ihnen?“

Mit leiser Stimme antwortet sie:

„Doktor, gut. Bißchen miede!“

Ich taste unter einer dicken Strickjacke nach ihrem Puls. Mein Zeigefinger fühlt ein ganz gleichmäßiges und ruhiges Klopfen.

„Wir schreiben jetzt mal ein EKG, messen Ihren Blutdruck und legen dann einen Tropf, wenn Sie einverstanden sind!“

Babuschka schaut mich fragend an. Die Frau mit dem Waschlappen hilft bei unserer Verständigung mit einigen russischen Worten aus. Die Oma nickt. Andi und ich wollen jetzt gleich mit dem Verkabeln beginnen. Das ist aber zunächst unmöglich. Oma Anjuscha hatte wohl heute, trotzt längst vergangenem Frühlingsbeginn, mit einem plötzlichen sibirischen Kälteeinbruch gerechnet. Erst nach Entkleiden von Strickjacke, Strickpullover, langärmligem Woll- und kurzärmeligem Angora-Unterhemd erreichen wir Babuschkas nackte Haut. Unsere Elektroden kleben aber nicht. Andi trocknet die komplett verschwitzte Frau zunächst mit einem Küchentuch ab.

Ich erkundige mich zwischendurch detailliert nach dem Geschehenen, nach Vorerkrankungen, regelmäßigen Medikamenten und Allergien.

„Doktor, kein Prablem, Babuschka imma gesund!“ kommt prompt die einhellige Antwort der umstehenden Frauen.

Und in der Tat zeigt uns der Überwachungsmonitor nach einiger Zeit nur Normalwerte. Blutdruck und Puls sind wie bei einem jungen Mädchen. Auch das EKG wie aus dem Lehrbuch, Stichwort „reguläres Kurven- und Zackenbild“. Insgesamt macht die Seniorin jetzt, nachdem wir sie aus ihrer „Sauna aus Wolle“ befreit haben, schon einen viel besseren Eindruck. Sie lächelt mich an.

„Ich glaube, Ihrer Oma hatte ‚nur’ einen Hitzekollaps. So viele Kleider, so viele Menschen, so viele Kerzen. Wir nehmen sie aber trotzdem mit in die Klinik!“ sage ich in die Damenrunde.

Während wir jetzt noch immer auf den Rettungswagen warten, sehe ich mich im Zimmer um. Manometer, was da alles auf dem Tisch steht: verschiedene Kuchen, reichlich Salate und Mehlspeisen, eingelegtes Gemüse, Chips und Schokolade. Der Tisch muß richtig stabil sein.

„Was feiern Sie denn heute?“ frage ich in Richtung der Männerrunde an der Tafel.

„Unser Sohn Sergej hat heute Geburtstag. 16 Jahre!“ antwortet stolz ein Mann im Anzug.

„Ihre Familie kann aber anständig feiern! So viel zu essen!“

„Ja, das ist bei uns immer so. Familie ist das Wichtigste! Jeder bringt was mit und alle werden satt!“ antwortet er.

„Was mich wundert: hier steht fast nur Essen auf dem Tisch, etwas Wasser und Saft. Ich finde hier fehlen Wodkaflaschen. Ist das nicht Tradition bei ‚Mütterchen Rußland’?“

Jetzt muß der Mann grinsen und antwortet mir in gestochen scharfem Hochdeutsch:

„Ach wissen Sie, wir sind hier in Deutschland schon sehr gut integriert!“

Ich schaue ihn fragend an. Mit verschmitztem Lächeln greift er nun unter den Tisch und holt eine Flasche hervor.

„Wir trinken keinen Wodka. Wir trinken nur noch Whiskey. Aber das darf Babuschka nicht wissen!“

babuschka

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Lektorat: T. Kehler

Foto: myJulia.ru