Vorwort

Die folgende Geschichte ist tragisch. Sie macht mich bis heute betroffen. Und wütend!

Sie ist exemplarisch für horrende Mißstände in vielen deutschen Kliniken seit Medizinkonzerne unsere Krankenhäuser übernommen haben, Aktionäre mit der Krankheit von Menschen Geld verdienen und Betriebswirte die Kliniken leiten. Die schnelle Gesundung von Patienten ist häufig nicht im Zentrum der Bemühungen, sondern steigende Dividenden!

Mit genügend gutem und nicht überarbeitetem Personal, vernünftiger Kommunikation und ausreichenden (Notfall-) Ressourcen wäre dieser Fall anders abgelaufen. Womöglich wäre dieser Patient aber unrentabel gewesen…


2008.

Kurz nach Mitternacht geht mein Pieper. Ich bin gerade eingeschlafen und schalte, ohne lange auf das Display zu schauen, das nervtötende Geräusch ab und stehe todmüde auf.

Gerade als ich mich fertig angezogen habe, piept der kleine Apparat erneut.

„Einsatzabbruch“ steht da nun knapp.

Ich weiß nicht, was sich hinter dem „hin-und-her-Gepiepe“ verbirgt, ziehe meine Klamotten wieder aus, lege mich ins Bett und versuche mit Hilfe eines Hörspiels wieder in den Schlaf zu kommen. Nach zwei, drei Kapiteln von „ Unterm Birnbaum“ dämmere ich endlich wieder ein.

Um 1:05 Uhr piept es erneut.

„Chirurgisch, männlich, Verlegung Kreisklinik / Uniklinik, Nachforderung“

Schlaftrunken geht es zurück in Einsatzhose und Notarztjacke. Eine Hand kaltes Wasser ins Gesicht, ein Kaugummi in den Mund, dann gehe ich hinunter zur Fahrzeughalle. Jan sitzt schon im NEF. Er hat noch nicht geschlafen, stattdessen irgendeine Serie im Fernsehen geschaut.

„Mit welchem Rettungswagen sollen wir die Verlegung machen?“ frage ich.

„Keine Ahnung. Unser RTW ist es nicht. Die beiden Jungs sind vor 20 Minuten ins Altenheim gefahren!“

Jan öffnet das Hallentor, dann fahren wir mit Blaulicht zur Kreisklinik. Als wir nach acht Minuten das Krankenhaus erreichen, sehe ich einen Rettungswagen vor dem Notfalleingang stehen.

„Auf welche Station müssen wir?“ frage ich Jan.

„Station 2B. Chirurgie.“

Ich nehme meine Schreibmappe und Jan den Notfallrucksack. Dann gehen wir beide in Richtung Klinikeingang. Als wir am Rettungswagen vorbeigehen, öffnet sich die Tür vom Patientenraum und ein Sani steckt seinen Kopf hinaus.

„Wir haben den Patienten schon hier im Auto!“

Jan und ich steigen in den Rettungswagen.

„Guten Morgen, worum geht es denn?“

„Herr Müller hat einen geplatzten Blinddarm. Hier in der Kreisklinik könne man ihn nicht versorgen, weil kein Überwachungsbett frei ist. Bei der Übergabe hat man uns erzählt, daß der Patient kreislaufstabil ist und keine Probleme gemacht hat. Als wir ihn jetzt aber an unseren Überwachungsmonitor angeschlossen haben, sahen wir den katastrophalen Blutdruck. Außerdem ist Herr Müller kaum noch erweckbar! Deshalb haben wir euch nachgefordert!“

Ich quetsche mich in dem engen Auto am Sani vorbei, um Herrn Müller anzusehen. Im Vorbeigehen ein schneller Blick auf den Überwachungsmonitor. Blutdruck 70 zu 40, Puls 130. Ich beuge mich über den Patienten und spreche ihn an:

„Guten Morgen Herr Müller, machen Sie mal bitte die Augen auf!“

Der alte Herr regt sich nicht. Ich rüttele nun an seinem Arm. Herr Müller reagiert auch darauf nicht. Jetzt mein letzter Versuch den Patient wach zu kriegen: ich kneife ihn in die empfindliche Haut am Hals. Der Senior macht keinen Mucks.

„Der Mann ist bewußtlos! Warum habt ihr ihn eingeladen?“ frage ich die beiden Sanis vom RTW.

„Er sei dement und deshalb immer schläfrig, haben sie uns erzählt!“ kriege ich zur Antwort

Unterdessen piept der Überwachungsmonitor. Er erinnert uns daran, daß der Blutdruck des Patienten viel zu niedrig ist und der Puls viel zu schnell. Keine Frage, der Patient ist nicht transportfähig.

„Bitte ladet den Patienten schnell wieder aus. In dieser Verfassung können wir ihn nicht verlegen!“

Ruckzuck holen die Sanis Herrn Müller wieder aus dem Auto und gemeinsam schieben wir den Patienten zurück auf Station 2B. Als die Nachtschwester uns sieht, fragt sie mit großen Augen:

„Was macht ihr denn wieder hier?“

In freundlichem Ton bitte ich sie den Stationsarzt zu verständigen. Dann erkläre ich ihr, daß wir Herrn Müller in seiner momentanen Verfassung nicht verlegen können. Nach einigen Minuten kommt ein junger, chirurgischer Assistenzarzt um die Ecke. Sein Blick ist nicht weniger erstaunt, als er den Patienten auf der Trage sieht.

„Warum Patient nicht weg?“ fragt er mich in gebrochenem Deutsch.

„Der Mann ist bewußtlos, hat einen Blutdruck von 70 zu 40 und sein Puls rast. Brauchen Sie noch mehr Gründe?“

Der arabische Arzt hat mich offensichtlich nicht verstanden, denn er sagt jetzt:

„Patient muß weg. Uniklinik. Hier keine Operation. Keine Bett frei Intensivstation.“

Angenervt und mit strengem Ton antworte ich:

„Der Patient kann nicht verlegt werden! Er würde im Auto sterben! Wenn er überleben soll, dann nur, wenn jetzt hier rasch operiert wird!“

Die Nachtschwester kann meinen Worten im Gegensatz zum Assistenzarzt gut folgen. Ihr ist die ganze „Sache“ hier wohl super peinlich. Sie fordert den Assistenten auf seinen chirurgischen Hintergrunddienst anzurufen. Nach ewiger Suche der Telefonnummer des Oberarztes versucht der Stationsarzt seinen Vorgesetzten zu erreichen. Vergeblich. Der Hintergrunddienst meldet sich nicht.

„Bitte versuchen Sie rasch rasch den Dienst habenden Narkosearzt aufzutreiben!“ sage ich zu der Nachtschwester.

Sekunden später hat sie ihn am Telefon. Nach kurzen einleitenden Worten gibt sie mir den Apparat. Ohne lange Umschweife bitte ich den Kollegen zu uns auf die Station 2B zu kommen. Schnell ist er bei uns. Nach der nächtlichen Begrüßung sage ich zu ihm:

„Wir sollten Herrn Müller mit perforiertem Blinddarm in die Uniklinik verlegen. Angeblich sei er kreislaufstabil und unkompliziert. Das ganze Gegenteil davon ist nun aber richtig. Der Mann ist schockig und einen GCS von nur 4 Punkten.“

GCS ist die Abkürzung für „Glasgow coma scale“. Dieser Test gibt rasch Auskunft darüber, in welcher Bewußtseinsverfassung ein Mensch ist. Der Untersucher beurteilt den Patienten in drei Kategorien: Augen öffnen, Antworten geben und Bewegungen ausführen. Je nach Leistungsvermögen gibt es Punkte, 15 sind maximal möglich. 4 Punkte, wie in diesem Fall, bedeuten tiefe Bewußtlosigkeit!

Der Narkosearzt schaut mich irritiert an, blickt auf den Überwachungsmonitor und wendet sich nun dem Patienten zu. Er spricht Herrn Müller an und ruckelt danach an dessen Schultern. Es gelingt auch ihm nicht Herrn Müller zu wecken. Jetzt klingelt das Telefon in der Hand des jungen Assistenzarztes.

„Hallo, Herr Chefarzt. Notarzt will Blinddarm-Patient nicht verlegen!“

Der Anästhesist mischt sich abrupt ein  und nimmt sich das Telefon. Mit knappen Worten erläutert er dem erfahrenen Chirurgen, daß er jetzt umgehend in die Klinik kommen müsse, soll der Patient überhaupt noch eine Chance haben.

„Ja, ich weiß, daß wir mit Überwachungsbetten knapp sind. Dennoch! Wenn Sie jetzt nicht sofort kommen und operieren, dann stirbt der Patient hier auf dem Flur!“

Unser Überwachungsmonitor piept mittlerweile im Dauermodus. Der Blutdruck ist unverändert zu niedrig, der Puls zu hoch. Und der Narkosearzt diskutiert immer noch am Telefon mit dem Alt-Chirurg…

Ich werfe während dieses Telefonats einen Blick in die Krankenakte des alten Mannes: Herr Müller kam gegen 16.30 Uhr in die Klinik. Eine halbe Stunde später, um 17 Uhr, wurde er das erste Mal von einem Arzt untersucht. Um 19 Uhr, also vor jetzt gut sechs Stunden (!), wurde eine Computertomographie des Bauches gemacht und ein geplatzter Blinddarmes festgestellt. Um 19.30 Uhr hat eine Krankenschwester den Dienstarzt darüber informiert, daß Herr Müller 40,5 Grad Fieber hat.

Und nun, um 01.30 Uhr soll der alte Herr verlegt werden?! Ich kann nicht glauben, was für medizinische Abgründe in dieser Patientenakte stehen. Mir fehlen die Worte…

Nach langer Telefon-Diskussion lenkt der chirurgische Hintergrund endlich ein. Zu mir gewandt sagt der Narkosearzt:

„Wir bringen den Patienten jetzt sofort hoch zur Intensivstation, wo er für die Operation vorbereitet wird. Ein Zimmer ist Moment noch nicht frei. Ich muß erst noch schnell einen Intensivpatienten auf eine Normalstation verlegen.“

Dann sagt er zu dem jungen Chirurgen:

„Kümmern Sie sich bitte darum, daß in 30 Minuten operiert werden kann. Also OP- und Anästhesiepersonal verständigen. Haben Sie das verstanden?“

Der junge Arzt hat nichts verstanden. Er schaut rat- und hilflos in die Runde.

„Ich kümmere mich!“, springt ihm die Nachtschwester zur Seite.

Gemeinsam fahren wir mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage der Klinik, wo sich die Intensivstation befindet. Zunächst müssen wir vor der Station auf den freien Platz warten. Schon nach kurzer Zeit wird aber ein Patient auf den Flur geschoben, der alles andere als „intensivpflichtig“ aussieht. Jung, entspannt, rosige Gesichtsfarbe. Sein kleiner Transportmonitor zeigt ausnahmslos normale Kreislaufwerte.

Schnell legen wir Herrn Müller von der Trage in das Krankenhausbett, packen unsere sieben Sachen und fahren dann zurück zur Rettungswache.

Mein Kopf fährt Karussell. So viele katastrophale Mißstände bei der Behandlung von Patienten hatte ich selbst in dieser Klinik nicht erwartet: eine ewige Zeit verging, bis die Diagnose gestellt wurde; es gab keine angemessene Reaktion auf die Mitteilung der Schwester, daß der Patient über 40 Grad Fieber hat; mehr als sechs Stunden müssen vergehen, bis die Entscheidung zur OP und Verlegung fällt; bei der Übergabe werden den Sanis falsche Tatsachen geschildert; der Hintergrunddienst ist nicht sofort erreichbar; der Assistenzarzt versteht nicht genügend Deutsch, um eine OP zu organisieren; das vorgeblich fehlende Intensivbett kann erst mit Nachdruck, dann aber sehr schnell, frei gemacht werden. Horror!

Ich koche vor Wut und kann nicht mehr einschlafen.

Nachtrag: Ich weiß nicht, ob Herr Müller die OP überstanden hat. Seine Chancen dazu betrachte ich als gering.

op-augen

PS: Viele andere meiner Geschichten gibt es als Ebook und als Taschenbuch ;-)

PPS: Du möchtest keine meiner Geschichten verpassen? Klick einfach oben auf dieser Seite „Gefällt mir“.

Hier geht es zurück  zur Übersicht von meinem Blog.

Lektorat: T. Kehler

Foto: Ani Kolleshi via unsplash.com