Metal Festival 2007.

Seit 10 Uhr habe ich Dienst in der Sanitätsstation des DRK mitten auf dem riesigen Feierareal. 35.000 Gäste sind hier, in der Mehrzahl junge, vollbärtige Männer mit langen Haaren in dunklen Schottenröcken, Springerstiefeln und schwarzen T-Shirts mit dem grellen Motiv ihrer Lieblingsband.

Die vergangenen zwei Tage Black Metal, Dark Metal, Heavy Metal, Speed Metal und sonstwas für Metal haben deutliche Spuren in den Gesichtern und der körperlichen Verfassung der Festivalbesucher hinterlassen.

Gegen 11:30 Uhr kommt der Einsatzleiter des DRK hastig auf mich zugelaufen.

“Doktor, fahr mit der Rettungswagenbesatzung zum Campingareal Nr. 7. Vor einem der Zelte liegen drei Jungs, die kaum noch ansprechbar sein sollen. Nähere Hintergründe kennen wir noch nicht.“

Rasch gehe ich über den staubigen Platz in Richtung des Rettungswagens. Sebastian und Andi, die zwei Sanis vom RTW erwarten mich schon. Zu dritt fahren wir als NAW über das riesige Festivalgelände, einem ehemaligen Flugplatz. Wir kommen nur mühsam voran, da jetzt unzählige Metal Fans auf den Beinen sind. Einige gehen zu den mobilen Duschen oder zu den vielen Cateringständen, andere haben sich bereits auf den Weg zur Hauptbühne gemacht, wo ab 13 Uhr ein Geheimtipp der Metal-Szene auf der Bühne stehen wird. Wir kommen trotz Martinshorn nur sehr schleppend voran. Das Gehör unserer menschlichen „Hindernisse“ scheint den dauerhaften 120 Dezibel Tribut zu zollen.

Irgendwann sind wir dann aber doch im genannten Campingareal. Wie sollen wir hier bloß die drei Jungs finden? Tausende Zelte stehen bunt verteilt, dicht an dicht in mehreren Reihen rechts und links des Schotterweges. Wäscheleinen, die zwischen den Zellen gespannt sind, ächzen unter der Last von Schlafsäcken und nassen Klamotten, die zum Trocknen aufgehängt wurden. Diese Stoffmauer nimmt jede Chance auf einen Blick dahinter. Sebastian stoppt den Rettungswagen, lässt seine Fensterscheibe hinunter und spricht den nächstbesten Fußgänger an:

„Wir suchen hier drei Kranke. Hast Du irgendwas gehört oder gesehen?“

„Keine Ahnung Mann. Sind alle krank, die sich das hier ein Wochenende lang antun! Chillt mal euren Tag.“

„Danke für Deine Hilfe!“ antwortet Sebastian mit deutlich ironischem Unterton.

Nächster Versuch bei einer jungen Frau, die vor uns den Schotterweg überquert.

„Hast du was von drei kranken jungen Männern gehört?“

Sie schüttelt den Kopf und antwortet dann mit schwacher Stimme:

„Ich bin froh, daß ich selbst noch das Leben habe. Nach 48 Stunden Dauerfeuer bin ich heute selbst nicht mehr gut zurecht!“

Wir rollen langsam weiter über Areal Nr. 7 in der Hoffnung, daß uns schon irgendwann jemand zuwinken wird. Wir haben Glück. Kurz vorm Übergang in das Campingareal Nr. 8 winkt uns eine junge Frau im Totenhosen-T-Shirt zu. Nach einigen Metern hält Sebastian an und stellt den Rettungswagen ab. Sandra empfängt mich aufgeregt, als ich aus dem Auto aussteige.

„Bitte komm mit, meinem Bruder und zwei Freunden geht es nicht gut!“

Mit unserem Rettungsequipment folgen wir der jungen Frau durch das wuselige Campinggelände. Vorbei geht es an kleinen, bunten Iglu-Zelten, ein paar Wohnmobilen, feiernden Männertruppen am Grill und mannshohen Paletten mit Dosenbier. Ich fliege fast samt Rettungsrucksack hin, als ich eine dünne Zeltschnur übersehe. Jetzt erreichen wir die „Zeltburg“ der kleinen Gruppe Metal Fans aus Hannover.

„Was ist denn passiert? Und wem geht es nicht gut?“

Sandra deutet mit der Hand hinter eines der Zelte, wo ich erst jetzt drei junge Männer auf Isomatten liegen sehe. Anders als 99,9% der Festivalbesucher sehen diese Herren fast spießig aus in ihren kurzen Bundfalten-Stoffhosen, Sandalen und kurzärmeligen Oberhemden. Mir kommen Bilder von Maschinenbau-Studenten in den Kopf. Gemeinsam mit Sebastian und Andi gehe ich zu den Jungs. Aus blaß-grünen Gesichtern schauen mich die drei schläfrig an.

„Hallo, was ist denn passiert?“

„Keine Ahnung. Wir sind gegen 10 Uhr aufgestanden und haben uns erstmal gewaschen und gemütlich den Grill angemacht. Dann gab’s Bratwurst und für jeden eine Dose Bier. Alles ganz locker. Irgendwann setzte sich ein super netter, flippiger Typ zu uns, der ganz in der Nähe sein Zelt hat. Er fragte, ob wir noch ein Dessert haben wollen. Er hätte von gestern Nachmittag noch Kuchen übrig.“

Der junge Mann hält jetzt inne.

„Was ist?“ frage ich.

Er muß plötzlich mehrmals würgen, kann seinen Brechreiz aber durch tiefes Einatmen unterbrechen.

„Geht’s?“

Der Mann nickt.

„Und dann?“ frage ich nach.

Mit kaltem Schweiß auf der Stirn spricht Thomas weiter:

„Nix Besonderes. Wir haben dann zusammen den Kuchen gegessen. Jeder ein kleines Stück. Etwa zwanzig Minuten später wurde uns allen ganz komisch. Irgendwie total schlecht, Schweißausbruch und Herzrasen. Das hatte ich noch nie!“

„Wir untersuchen euch jetzt und sehen dann weiter.“

Zu Sebastian und Andi sage ich dann:

“Macht bitte erst mal bei allen die Kreislaufwerte. Ich schaue mal nach der Neurologie.“

Die drei jungen Männer sind sehr blaß, tatsächlich fast grün im Gesicht. Außerdem fallen mir schon beim ersten Blick ihre roten Augen auf. Die Pupillen reagieren nur zögerlich auf das Licht meiner Taschenlampe. Der weitere neurologische Check hilft mir bei der Diagnosefindung nicht. Die Jungs können alle Tests problemlos absolvieren, wenn auch nur langsam.

Sebastian und Andi haben nun auch die Messungen fertig: der Blutdruck ist bei allen um 100 zu 60, die Sauerstoffsättigung durchgehend über 96 %. Das EKG zeigt bei den drei Männern das gleiche Bild: der Puls rast, 130 bis 150 Schlägen pro Minute, die Herzstromkurven sind aber ansonsten unauffällig.

Hmm, was haben die Jungs? Was haben wir bislang Auffälliges gefunden?

Unsere Patienten sind im Moment sicher nicht lebensbedrohlich in Gefahr. Der Puls ist bei allen zu schnell. Aber sonst sind die Kreislaufwerte in Ordnung. Einzig die roten Augen, die Kaltschweißigkeit und die Verlangsamung fallen auf. Und das alles nach Bratwurst, Dosenbier und Kuchen…

Zu einer Alkohol- oder Lebensmittelvergiftung paßt zwar die Übelkeit und der kalte Schweiß auf der Stirn, die roten Augen jedoch nicht. Sind vielleicht Drogen im Spiel? Cannabis macht langsam und Bindehautrötungen.

„Habt Ihr zu Bier und Bratwurst auch gekifft?“

Die drei Männer schütteln mit dem Kopf. Thomas ergänzt:

„Noch nie!“

„Ist noch was von dem Kuchen da?“ frage ich weiter.

„Steht eventuell noch auf unserem Campingtisch.“

„Sebastian, guckst du mal?“

Der Sani nickt und ist kurze Zeit später mit einem Pappteller und dem Rest eines Schoko-Vollkornkuchens zurück. Als Sebastian mir die Krümelreste gibt, halte ich meine Nase über den Teller und hole tief durch die Nase Luft. Was ich jetzt rieche erinnert mich stark an meine Studentenzeit. Dieser einzigartige, würzig-süßliche Geruch…

„Jetzt wird ein Schuh draus!“ sage ich grinsend zu Sebastian und Andi.

„Kannst Du die Polizei verständigen?“ bitte ich Sebastian. Und dann weiter zu unseren Patienten:

“Wir bringen Euch jetzt in unsere Sanitätsstation, wo Ihr eine Zeit lang überwacht werden müßt.“

Die drei Männer sind einverstanden.

Eine halbe Stunde später liegen die drei im Schatten des Sanitätszeltes und Kochsalzlösung tropft in ihre Adern. Die Überwachungsmonitore piepsen leise gleichmäßig vor sich hin.

Am Abend können wir die Männer aus der Überwachung entlassen. Vor der Haupttribüne bekommen sie dann ihre wohlverdienten 120 Dezibel von Rammstein auf die Ohren…

Nachtrag: kurze Zeit nach dem Sebastian die Polizei angefordert hatte, trafen zwei Beamte bei uns in der Sanitätsstation ein. Ich berichtete den Beamten von meinem Verdacht auf Cannabisvergiftung und dem „flippigen“ Gast.

Etwa eine Stunde später kamen die Polizeibeamten erneut zu uns. Sie berichteten, daß sie die Kuchenreste zur rechtsmedizinischen Untersuchung noch beschlagnahmen konnten und die Personalien des „freundlichen“ Kuchenspenders festgestellt hätten. Der Frühstücksgast bestätigte meinen Verdacht Hanfblüten-Öl in den Kuchenteig getan zu haben. Er wollte sich einen Spaß mit den „Maschbauern“ machen. Das brachte ihm jedoch eine Anzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung in drei Fällen ein.

photo-1536081905080-f14fb4d6e52d

PS: Viele andere meiner Geschichten gibt es als Ebook und als Taschenbuch ;-)

PPS: Du möchtest keine meiner Geschichten verpassen? Klick einfach oben auf dieser Seite „Gefällt mir“.

Hier geht es zurück  zur Übersicht von meinem Blog.

Lektorat: T. Kehler

Foto: David Calderón via unsplash.com