Stuttgart im Sommer 2003.

Ich öle vor mich hin. Seit Wochen! Es ist nicht mehr zum Aushalten. Anfang Juni fing die Hitze an, kein Tag unter 30 Grad und die Nächte tropisch. Jetzt ist August. Wir nähern uns dem Siedepunkt dieses Sommers und schwitzen in der Garage der Rettungswache.

Gegen 14 Uhr werde ich aus meinem Phlegma gerissen. Es piept.

„Bewußtseinsgestörte Person, männlich, U-Bahnstation Flughafen“

Noch schnell einen großen Schluck Wasser, dann setze ich mich ins Notarztauto. Los gehts. Wir haben kaum die Halle verlassen, da spricht uns die Rettungsleitstelle über Funk an:

„1-82-2 von Leitstelle Stuttgart!“

„Hier ist 1-82-2!“ meldet sich Olli, der heutige NEF-Fahrer.

„Ich weiß nicht, was Euch da erwartet. Zieht Euch bevor ihr den Patienten untersucht die komplette Schutzkleidung an: Kittel, Handschuhe, Mundschutz. Der Anrufer war ein junger Mann. Er ist heute aus seinem Urlaub im Kongo zurückgekommen und hat sich schon auf dem Rückflug schlecht gefühlt. Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Jetzt sackt ihm ständig sein Kreislauf weg.“

„Verstanden!“ antwortet Olli knapp.

„Noch ein wichtiger Hinweis: der Mann sagte mir am Telefon, daß er in der Nähe eines Ebola-Gebietes unterwegs war!“

„Hab ich richtig verstanden? Ebola?“ fragt Olli zweifelnd.

„Ja, richtig verstanden!“

Als ich das höre rasen sofort 1000 Gedanken durch meinen Kopf. Der Wichtigste: ich habe null Ahnung von dieser Erkrankung! War im Studium kein Thema. Was macht Ebola? Wie es übertragen wird? Welche Symptome sind zu erwarten? Wie muß ich im Notfall behandeln? Das einzige was ich darüber (aus dem Fernsehen!) weiß ist, daß es fast immer tödlich endet… Schnell krame ich mit zittrigen Fingern mein Handy aus der Hosentasche. Google, bitte hilf mir!

Schnell überfliege ich die lange Abhandlung: Viruserkrankung, Übertragung auf den Menschen durch fast alles, tödlicher Verlauf in 25-90% der Fälle, es gibt keine definitive Therapie, nur Linderung des Leids.

Nachdem ich das gelesen habe, schwitze ich trotz Autoklimaanlage auf höchster Stufe noch mehr.

Ebola ist eine durch das Ebolavirus hervorgerufene Erkrankung, die erstmals in der 1970er Jahren im Kongo in der Nähe des Flusses „Ebola“ seuchenartig auftrat. Das Virus wird durch erkrankte Menschen und Tiere und durch mit dem Virus verunreinigte Gegenstände übertragen. Nach Viruskontakt bricht die Erkrankung nach etwa 14 Tagen aus. Die ersten Symptome sind grippeähnlich: Fieber, Kopfschmerzen, Mattigkeit. Hinzukommen dann Erbrechen und Durchfall. Im nächsten Stadium der Erkrankung leiden die Patienten unter hohem Fieber und diffusen Blutungen (Haut, Schleimhaut, Organe). Der Kreislauf versagt, der erkrankte Mensch stirbt.

Als wir nach 15 Minuten am genannten U-Bahnhof eintreffen, winkt uns ein junger Mann entgegen, der auf einer Bank vor dem U-Bahnhofseingang sitzt.

Olli und ich sind die ersten am Einsatzort. So schnell es bei dieser Hitze möglich ist, packen wir die „Iso-Schutz-Päckchen“ aus. Dann versuche ich in der prallen Sonne mit klitschnaß geschwitzten Händen zu erst in die Schutzhandschuhe zu schlüpfen. Ein Alptraum. Da flutscht gar nichts. Mühselig muß ich die Latexdinger über jeden einzelnen Finger zwängen. Dann den gelben Kittel an. Der Schweiß rinnt mir bereits jetzt über den Rücken bis zum Hintern. Nun noch die Schutzhaube und schlußendlich das Mundtuch. Ich habe das Gefühl gleich zu kollabieren… Als Olli und ich vollständig „verkleidet“ sind, gehen wir zu Michael. Gerade jetzt trifft auch der Rettungswagen ein.

„Guten Tag, hatten Sie uns gerufen?“ frage ich den Mann aus einigen Metern Entfernung. Auf den üblichen Handschlag verzichte ich.

Michael nickt und schaut mich aus müden Augen an.

„Worum geht es denn? Was fehlt Ihnen?“

Mit schwacher Stimme antwortet er:

„Ich bin heute morgen aus dem Kongo zurückgekommen. Über Frankfurt und dann nach Stuttgart. Seit einigen Tagen gehts mir immer schlechter. Alles tut mir weh. Dazu das Fieber. Habe ich seit zwei Tagen und ständig muß ich Blut husten. Ich wußte ja nicht, daß ich mitten im Ebolagebiet Urlaub gemacht habe!“

Scheiße, genauso habe ich es vor fünf Minuten bei Google gelesen, denke ich.

„Ok. Verstehe… Wir warten jetzt noch kurz bis sich die beiden Jungs vom Rettungswagen ebenfalls ihre Schutzkleidung angezogen haben, und dann gehen wir mit ihnen in den Rettungswagen.“

Michael hört mir gar nicht zu. Er scheint nun völlig abwesend. Ist das schon das erste Zeichen des drohenden Kreislaufkollaps?

Ich drehe mich zu Olli um und flüstere:

„Paß auf jede deiner Handlungen auf! Komm dem Mann bloß nicht zu nah! Und ruf jetzt gleich in der Uniklinik auf der Isolationsstation an. Sag ihnen, daß wir in etwa 25 Minuten bei ihnen sind!“

Zwei Minuten später bitte ich Michael die zwei, drei Schritte allein bis zur Krankentrage zu gehen. Keine Frage, ich habe Höllenangst dem jungen Mann zu nahe zu kommen und mich anzustecken. Ich bin wie gelähmt, kann nichts machen.

Michael schleppt sich in Richtung Trage und läßt sich dann kraftlos darauf fallen. Die Sanis rollen ihn gleich in den Rettungswagen.

„Die Isolationsstation ist nicht zu erreichen. Die ganze Uniklinik nicht! Der Mann von der Leitstelle hat mir erzählt, daß es da seit heute Nacht ein fettes Problem mit der Telefonanlage gibt!“

„Egal, fahren wir halt hin, ohne uns anzumelden!“

Die Sanis vom Rettungswagen sind deutlich cooler als ich. Wie selbstverständlich beginnen die beiden mit Blutdruck- und Fiebermessen. Gottseidank sind diese Jungs dabei!

„Druck ist 130 zu 80. Puls 90.“ Sagt mir Sekunden später der ältere der beiden.

„Temperatur im Ohr 37,0!“ ergänzt sein Kollege.

„Danke. Müssen wir jetzt akut erstmal nichts machen. Fahren wir gleich los nach Tübingen!“

Auf der Fahrt über die Bundesstraße desinfiziere ich mir mehrmals die Hände bzw. die Gummihandschuhe. Es ist die Hölle. Ich weiß zu wenig, eigentlich gar nichts über diese Krankheit. Einzig, daß sie meist tödlich endet und es null Hilfe gibt. Der bloße Gedanke daran mich anstecken zu können, bremst mich komplett aus.

Michael kriegt von meiner Hilflosigkeit nichts mit. Er dämmert vor sich hin. Hoffentlich hält sich sein Zustand bis in die Klinik und wird nicht schlimmer.

Nach 25 Minuten Blaulichtfahrt erreichen wir die Uniklinik. Bevor wir Michael mit der Trage aus dem Auto holen, legt ihm der junge Sani noch einen Mundschutz an. Hab ich vor lauter Panik gar nicht dran gedacht. Dann geht es über endlose Flure bis vor die verschlossene Tür der Iso-Station. Staunende Blicke anderer Menschen auf den Gängen begleiten unser vermummtes Kommando. Olli klingelt an der Tür. Einen Moment später meldet sich eine Frauenstimme an der Rufanlage:

„Hallo, hier spricht Schwester Gerda. Was wünschen Sie?“

„Hier ist der Rettungsdienst. Wir bringen jemanden vom Flughafen mit Verdacht auf Ebola. Konnten uns leider nicht voranmelden, da euer Telefon kaputt ist!“

„Kleinen Moment, ich komme und mache die Tür auf!“

Michael kriegt das alles nicht mit, liegt unverändert „halb-komatös“ auf der Trage.

Nach einiger Wartezeit öffnet uns eine Frau in einem gelben Ganzkörperschutzanzug die Sicherheitstür. Ich stelle mich kurz vor und will gerade berichten, was Michael uns am U-Bahnhof erzählt hat, da unterbricht mich die Dame mit Blick auf unsere Krankentrage:

„Ach nein! Nicht schon wieder!“

Wir schaue die Frau irritiert an. Haben wir was falsch gemacht? frage ich mich im Stillen.

Die Frau geht unerschrocken auf die Trage zu, rüttelt jetzt an Michael und sagt dann:

„Komm Freundchen, aufstehen! Genug geschlafen! Ab nach Hause! Jetzt haste es ja nicht mehr weit!“

Hä, bin ich im falschen Film? Schwester Gerda bemerkt meine Verwunderung.

„Einfache Lösung!“ sagt sie „Wenn er kein Geld für den Zug hat, macht er die ‚Kongo-Nummer’ mit Fieber und Blut. Da fragt keiner lange nach. Und da untersucht auch keiner lange. Einfach ab mit dem Rettungswagen nach Tübingen in die Klinik und von da noch fünf Minuten zu Fuß bis zu seiner Wohnung!“

Hastig schäle ich mich aus Kittel, Mundschutz und Handschuhen und freue mich, daß ich ohne Ebola weiter leben und schwitzen kann.

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Lektorat: T. Kehler

Foto: Punch Productions und Warner Bros. Pictures