Hessen. 2014.

Um 3 Uhr nachts werde ich von durchdringenden Piepen meines Alarmmelders aufgeschreckt. Noch schlaftrunken suche ich das Nervteil. In den unzähligen Taschen meiner Notarztjacke ist es nicht. Nach ewigen Sekunden werde ich endlich, endlich in der Seitentasche meiner Hose fündig. Piepen aus!

“Hilflose Person hinter Tür. Schmidt, männlich, 82, Adenauerstr. 12“ zeigt das Display.

Schnell rein in die Hose, Stiefel an, ein Kaugummi für den frischen Atem und ab zum Auto. Vom Fahrer des Notarztautos noch keine Spur. Vielleicht hat seine Jacke noch mehr Taschen als meine…

Nach einer Minute geht es auf die Straße. Kaum haben wir die Rettungswache verlassen, spricht uns die Rettungsleitstelle an.

„Leitstelle für 1-82-1. Der Anruf kam über die Hausnotruf-Zentrale. Herr Schmidt hat seit mehr als 24 Stunden nicht den „Es-geht-mir-gut-Knopf“ betätigt. Ein Mitarbeiter des Hausnotrufes ist schon mit einem Zweitschlüssel unterwegs zum Türöffnen.“

Hansi und ich treffen acht Minuten später in der Adenauerstraße ein.

„Man-o-man. Elegantes Viertel. Ein Haus größer als das andere!“

„Hier wohnt der echte Geldadel!“ antwortet Hansi.

Hausnummer 12 reiht sich nahtlos in das Gesagte ein: ein fetter, weißer Bungalow, gepflegter Garten mit alten Bäumen, links vom Buchsbaum gesäumten Fußweg erkenne ich im Dunkel einen großen Swimmingpool. Vor der Haustür erwartet uns ein junger Mann.

„Guten Abend. Das ist ja schön, daß Ihr so schnell hier seid. Alleine wäre ich nicht in das Haus gegangen. Ich bin ja nur der Zivi vom Hausnotruf und soll Euch die Tür aufschließen. Ich habe schon geklingelt. Macht aber keiner auf!“

„Das ist nett, vielen Dank!“ antworte ich dem etwa 20-jährigen.

Dann kramt der Zivi ein riesengroßes Schlüsselbund aus seinem Rucksack und sucht den Schlüssel für das Haus Adenauerstraße 12. Das dauert. Und dauert und dauert. Sind sicher 20 Schlüssel an dem Schlüsselbund. Während der junge Mann sein Bestes beim Auffinden des richtigen Schlüssels gibt, schaue ich mich im Bereich des Hauseinganges um. Ein eindrucksvolles Namensschild empfängt den Besucher:

“Prof. Dr. Ing. Dr. hc. mult. Werner Schmidt“

Ich zeige Hansi das Schild und sage ganz kleinlaut:

„Da kann ich nicht mithalten!“

„Stimmt. Du bist ja nur popeliger Doktor!“

Endlich ist die Haustür auf. Im Flur ist es dunkel. Lediglich ein dünner Lichtschein aus einem der angrenzenden Zimmer gibt ein bißchen Orientierung.

„Hallo! Ist jemand hier?“ rufe ich laut in das Haus.

Keine Antwort.

“Hallo! Herr Schmidt! Sind sie zu Hause?“

Wieder keine Antwort. Hansi und ich gehen in Richtung des beleuchteten Zimmers. Der junge Zivi folgt uns. Wir stehen jetzt offenbar im Wohnzimmer. Richtig hell ist es hier auch nicht. Einzig die Stehlampe gegenüber der Zimmertür erhellt den Raum. Ich sehe zunächst niemanden.

„Hansi, siehst du einen Lichtschalter?“ frage ich den Sani und bin selbst auf der Suche danach.

„Moment!“

Hansis Taschenlampe erleichtert ihm jetzt die Suche, und plötzlich ist es taghell in dem Raum. Professor Schmidt hat eine eindrucksvolle LED-Installation. Im hellen Licht der vielen Lampen entdeckte ich nun seitlich von mir einen Schreibtisch und davor die Rückenlehne eines mächtigen Bürosessels.

Über die linke Armlehne des Sessels hängt ein regloser menschlicher Oberkörper.

Rasch eile ich zum Schreibtisch und drehe den Bürosessel in meine Richtung. Der dunkelviolette Kopf des Mannes im Sessel hängt schlaff auf die Schulter herab. Schnell Atmung und Puls überprüfen. Nichts. Ein kurzer Griff an den Unterkiefer des alten Mannes. Ich kann seinen Mund nicht öffnen. Die Leichenstarre hat den Kiefer längst fest im Griff.

“Wir kommen zu spät!“ sage ich zu Hansi und dem Zivi, der sichtlich schockiert ist.

Kaum habe ich das ausgesprochen, da entdecke ich ein spezielles Detail. Herr Schmidt ist elegant bekleidet: schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Cordhose und dazu schwarze „Budapester“. Soweit nichts Besonderes, wenn da nicht noch der offene Hosenstall wäre, aus dem Professor Schmidts schlaffes Glied heraushängt. Was für ein Bild! Hilfe! Ich will das nicht nachts um 3 Uhr sehen.

„Wer weiß, was er gemacht hat?! Warte mal ne Sekunde!“ sagt Hansi vielsagend und tritt an den Schreibtisch.

Unvermittelt greift er die Computermaus des iMac.

„Was hast Du vor?“ frage ich.

Aber kaum hat er die Maus angefaßt, da erwacht der zuvor schwarze Computerbildschirm wieder zum Leben, und YOUPORN fragt uns prompt, ob wir das zuletzt angesehene Video erneut anschauen wollen.

Ich sage nur knapp: „Nein Hansi, das wollen wir jetzt nicht!“

30 Minuten später, nachdem wir die Formalitäten erledigt haben, fahren wir zurück zur Rettungswache. In mich gekehrt denke ich an den alten Mann und in welch unwürdiger Position wir ihn aufgefunden haben. Da holt Hansi mich aus meinen trüben Gedanken:

„Eigentlich kein schlechter Abgang. Gibt schlimmere Arten zu sterben!“

Ich denke kurz darüber nach. Dann muß ich schmunzeln.

Recht hat er.

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Lektorat: T. Kehler

Foto: https://twitter.com/kainiebert/status/1002964330957205504