Hessen im September 2015.

Ein schöner Spätsommertag erwärmt das kleine Fachwerkstädtchen, in dem ich heute zum ersten mal arbeite. Der Vertretungsjob ist gestern kurzfristig wegen der Erkrankung eines Kollegen dringend neu zu besetzen gewesen.

Mittags um kurz vor zwölf piept es.

„Leblose Person. Telefon-Rea läuft.“

Noch hastig einen Schluck lauwarmen Kaffee, dann schnappe ich mir meine signalrote Jacke und laufe zum Notarztauto. Andi, der Rettungsassistent erwartet mich längst.

Blaulicht an und los.

Nach nur knapp fünf Minuten Fahrt durch enge Innenstadtgassen hinaus aus dem Stadtzentrum, erreichen wir, zeitgleich mit dem Rettungswagen, das kleine Einfamilienhaus aus den 50er-Jahren. Ruckzuck nehme ich meinen Rucksack aus dem Auto und eile durch den tippi toppi gepflegten Vorgarten. Dann fünf Stufen hoch und ich stehe vor der Eingangstür. Andi und Jan und Mike, die beiden Sanis vom Rettungswagen, folgen nur wenige Schritte mit „schwerem Gerät“ hinter mir. Die Haustür ist verschlossen. Ich klingele. Endlose Sekunden verrinnen, nichts passiert. Dann drücke ich erneut auf den mit „Fam. Münzer“ beschrifteten Klingelknopf. Es dauert und dauert und dauert… Jetzt endlich öffnet sich die Tür. Eine kleine, alte Frau macht uns auf.

„Hallo, wo müssen wir hin?“ frage ich.

„Links in die Küche!“ gibt sie mir mit dünner Stimme Antwort.

Wenige Schritte durch den Flur stehe ich jetzt vor der Küche. Zwischen Kochzeile und Eckbank liegt Hubert, blitzeblau angelaufen, der Länge nach auf dem PVC-Boden. Über ihm kniet ein etwa 60 jähriger Mann. Er drückt kraftlos und völlig erschöpft auf Huberts Brustkorb.

„Schnell! Ziehen wir ihn in den Flur. Hier in der Küche ist kein Platz!“ sage ich zu den hinter mir stehenden Sanis.

Mit vereinten Kräften gelingt es uns in Sekunden den dicken Mann aus der engen Küche in den Korridor zu ziehen. Nun läuft alles wie am Schnürchen: Jan fängt umgehend mit der Herzdruckmassage an, Mike klebt die beiden großen EKG-Elektroden auf Huberts Brust und Andi reist den Rucksack auf und macht den Beatmungsbeutel fertig. Ich beginne mit einer ersten raschen Untersuchung. Ein schneller Blick in Huberts Mund: kein Hindernis für die Beatmung. Dann ein Blick in seine Pupillen. Sie sind so groß wie Cent-Stücke. Andi gibt mir jetzt den Beatmungsbeutel. Damit nun schnell zwei, drei kräftige Lungenfüllungen.

„Kurze Pause beim Drücken! Ich will sehen was das EKG macht!“

Jan stoppt. Das EKG zeigt, daß Huberts Herz komplett still steht. Null-Linie.

„Weiter drücken! Und alles vorbereiten für einen Zugang und die Intubation. Dann noch unverdünnt Adrenalin aufziehen!“

Wir möchten uns zerreißen! Am Anfang jeder Reanimation ist soviel zu tun und am Besten alles gleichzeitig und sofort!

Das Team arbeitet super. Wie ein Schweizer Uhrwerk. Nach wenigen Augenblicken läuft eine Infusion und in Huberts Luftröhre liegt der Beatmungsschlauch.

„Adrenalin. 1 Milligramm!“ sage ich zum Sani.

Andi spritzt das Kreislaufmedikament. Nach einer Minute dann ein erneuter Blick auf das EKG. Nichts. Kein Ausschlag.

Mike und Jan lösen sich bei der Herzmassage ab. Weiter gehts. Nächste Runde.

„Der Blutzucker ist 127!“

„Danke.“

Ich schaue wieder in Huberts braune Augen. Seine Pupillen sind unverändert riesengroß. Ein schlechtes Zeichen… Da nun Herzmassage, Beatmen und Adrenalinspritzen wie am Schnürchen laufen und der anfängliche Streß etwas abfällt, habe ich kurz Gelegenheit der alten Frau ein paar Fragen zur Vorgeschichte zu stellen.

„Bitte erzählen Sie mir, was vorgefallen ist!“

„Mein Mann und ich haben seit 9 Uhr unseren Garten winterfest gemacht. Um halbzwölf hat er plötzlich zu mir gesagt, daß er schlecht Luft kriegt. Wir sind dann gleich rein in die Küche. Er hat sich auf die Eckbank gesetzt und wollte sein Asthmaspray nehmen. Da hat ihn der Schlag gerührt, und er ist am Tisch zusammen gebrochen.“

Zwischendurch ein Blick auf das EKG. Nichts. Keine Regung. Nochmal Adrenalin, weiter drücken und beatmen.

„Und? Was haben Sie dann gemacht?“ frage ich weiter, im Kopf die Erinnerung, daß unser Alarm ja erst um 12 Uhr kam.

„Ich hab ihn angestupst und an ihm gerüttelt, um ihn wieder wachzukriegen. Aber er hat sich nicht gerührt. Da bin ich gleich nochmal raus in den Garten. Schnell aufräumen! Der ganze Bürgersteig lag ja noch voll mit den Ästen von dem Busch den mein Mann gerade beschnitten hatte. Was sollen die Nachbarn von uns denken?! Wir sind alte Preußen. Pünktlichkeit, Ordnung, Sparsamkeit!“ antwortet sie mir.

In ihrer Stimme schwingt Stolz. Und während sie spricht, nimmt die kleine Oma eine richtig stramme Haltung ein. Die Sanis und ich schauen uns fassungslos an.

„Und dann?“

„Als alles sauber war, bin ich wieder rein und habe gleich wieder versucht meinen Mann wachzurütteln. Er hat sich aber immer noch nicht berappelt. Da bin ich rüber zu unserem Nachbarn, um Hilfe zu holen. Er kam gleich mit. Hat meinen Mann auf der Eckbank untersucht, ihn sofort runter auf den Küchenboden gelegt und mit der Wiederbelebung angefangen. Und ich habe die Rettung verständigt.“

„Wann haben Sie angefangen zu drücken?“ frage ich den Nachbarn.

„Ach, das muß so 11.50 Uhr gewesen sein. Das Mittagessen war fast fertig. Und wir essen immer pünktlich um 12!“

Kurze Rechnung: um 11.30 Uhr brach Hubert zusammen. Ab etwa 11.50 Uhr dann Laien-Reanimation. Macht 20 Minuten ohne Kreislauf. Das überlebt kein Hirn! Bereits nach 8-10 Minuten ohne ausreichende Sauerstoffversorgung nimmt das Gehirn unwiederbringlichen Schaden.

Ich untersuche erneut Huberts Pupillen. Die sind immer noch Cent-groß und immer noch ohne Reaktion auf das Licht meiner Taschenlampe. Huberts Gesicht ist konstant düster. Dunkel-violett liegt der Mann vor mir – trotz guter Herzdruckmassage und maschineller Beatmung mit 100% Sauerstoff. Mein Entschluss steht nach kurzer Bedenkzeit fest.

„Hör auf zu drücken!“ sage ich zum Sani.

Um 12.25 Uhr beenden wir unsere vergeblichen Bemühungen um Huberts Leben.

Er ist tot.

Zwanzig Minuten ohne jeglichen Wiederbelebungsversuch konnten wir nicht mehr einholen.

Mit einem dicken Kloß im Hals erkläre ich der alten Frau, daß wir zu spät gekommen sind und nichts mehr für ihren Mann tun konnten. Sie sagt nichts, schaut mich nur ganz still an. Dann dreht sie sich um, geht ins Wohnzimmer, setzt sich auf das Sofa und weint. Als ich mich neben sie setze, um sie zu trösten, greift sie nach vorn auf den Wohnzimmertisch und zeigt mir eine Jubiläumskarte.

„Alles Gute zum 60. Hochzeitstag!“ steht auf der ersten Seite.

„Das haben Hubert und ich vor 10 Tagen gefeiert!“

Mir schnürt’s die Kehle zu. Ich sitze wie gelähmt neben der Frau. Kann ihr nichts entgegnen, bin hilflos. Das ist zu viel, auch nach vielen Jahren im Rettungsdienst.

Als wir nach Eintreffen des Notfall-Seelsorgers und Erledigung des Papierkrams zurück zur Wache fahren, schaue ich mich noch einmal um.

Der blitzblanke Bürgersteig erstrahlt in der Herbstsonne.

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Lektorat: T. Kehler

Foto: Potsdamer Neue Nachrichten; orig. Gemälde Rainer Ehrt.