Vatertag 2002. Früher Abend.

Eine junge, blonde Frau winkt in meine Richtung, als ich aus dem Notarztwagen aussteige. An eine Verandatür gelehnt, wedelt sie aufgebracht mit den Armen und ruft uns mit alkoholischem Akzent:

„Endlich sindse da! Hier lang!“

Silas und ich gehen auf die Veranda und folgen der schwankenden Frau in die heftig nach Anis riechende Erdgeschoß-Wohnung. Kaum sind wir drin empfängt uns ein durchdringender Schrei.

„Aaah! Scheiße!“

„Was ist passiert? Wo müssen wir hin?“ frage ich die Frau erschrocken.

„Da vorne links um die Ecke. Mirco ist im Badezimmer!“

Ich gehe in die angegebene Richtung und stehe unmittelbar in der geöffneten Badezimmertür. Vor der Wanne kniet ein Mann mit vornüber gebeugtem Kopf, so daß ich zunächst nur seinen Rücken sehen kann. Er hält den Duschkopf in seiner rechten Hand und spritz sich Wasser ins Gesicht.

„Hallo, was ist los? Was ist passiert?“

Mirco reagiert nicht. Ich stupse ihn an.

„Hallo, der Rettungsdienst ist da. Kann ich Ihnen helfen?“

Der Angesprochene dreht sich jetzt langsam um. Und dann schaue ich in ein völlig verbranntes Gesicht!

So eine schwere Verbrennung habe ich in knapp 10 Jahren in der Unfallchirurgie noch nicht gesehen: von Mircos Augenbrauen und seinem Haaransatz ist nichts weiter übrig als winzige, grau-schwarze Löckchen. Die Haut an seinen Wangen und seiner Stirn ist zu Blasen aufgetrieben. Die Oberlippe und die Nase sind grau-weiß statt rot.

Das Schlimmste jedoch: die Haut an seinem rechten Ohr ist bis tief auf den Knorpel verbrannt.

„Bestell den Hubschrauber und ein Bett in einer Verbrennungsklinik! Verbrennung Grad II und III am Kopf“ rufe ich zu Silas, der irgendwo hinter mir steht.

Verbrennungen werden medizinisch in vier Schweregrade eingeteilt. Grad I entspricht dabei einer schmerzhaften lokalen Rötung. Grad II Verbrennungen zeichnen sich durch Rötung, Blasenbildung und starke Schmerzen infolge einer Reizung der Hautnerven aus. Bei Verbrennungen dritten Grades wird die Oberhaut vollständig zerstört. Das Gewebe bekommt eine weiße Farbe. Das verbrannte Areal schmerzt kaum oder gar nicht, da auch das Unterhautgewebe und damit die schmerzempfindlichen Nerven Schaden genommen haben.

„Bitte kommen Sie mit in das Wohnzimmer. Da können wir Sie besser versorgen. Hier ist es zu eng!“

„Nein! Nein! Ich muß mein Gesicht kühlen!“ antwortet mir unser Patient lallend und hält den Kopf wieder unter das kalte Wasser.

„Mirco, los jetzt, mach was der Doktor sagt!“

Die junge Frau hat offenbar den richtigen, viel strengeren Ton als ich getroffen. Dann, zack, dreht sie den Wasserhahn zu und greift Mirco schroff unter die Achseln.

„Los! Mach hin!“

Ich unterstütze sie, so daß wir Mirco kurze Zeit später auf das Sofa im Wohnzimmer setzen können.

„Aua, ich halt’s nicht aus! Machen Sie doch was!“

„Sie kriegen gleich was gegen die Schmerzen!“ versuche ich ihn zu beruhigen, was mir nicht gelingt.

Er zappelt mit geschlossenen Augen auf dem Sofa hin und her. Jetzt erkenne ich, daß auch die Oberlider unseres Patienten puterrot sind.

Gottseidank ist nun auch der Rettungswagen eingetroffen. Vier weitere helfende Hände.

„Der Mann hat sich verbrannt. Schnell verkabeln! Und einen Zugang legen!“ sage ich zu den Sanis.

„Bitte öffnen Sie jetzt die Augen. Können Sie scharf sehen?“

Zaghaft macht Mirco die Lidspalten auf, scheint sich im Zimmer zu orientieren.

„Alles scharf und deutlich?“

„Ja, Mann! Ich kann gucken! Aber tu jetzt was gegen die Schmerzen!“

„Bitte öffnen Sie noch rasch den Mund, damit ich sehen kann, ob Sie sich auch innerlich verbrannt haben!“

Ein kurzer Blick genügt: die Schleimhaut von Mund und Rachen ist ebenfalls stark gerötet. Außerdem fällt mir auf, daß Mircos Nasenhaare versengt sind.

„Ich höre Sie jetzt noch mal schnell auf Ihre Lunge!“

Mircos T-Shirt ist von seiner Kopfdusche klatschnaß. Ich schiebe es hoch, dann rasch mein Stethoskop auf seinen Brustkorb. Zum Glück: die Lunge hört sich gut an. Mirco ist jetzt an den Überwachungsmonitor angeschlossen. Puls 120, Blutdruck 110 zu 60, Sauerstoffsättigung im Blut 91%. Alles soweit in Ordnung.

„Der Hubschrauber kommt in 25 Minuten von der Uniklinik! Sie bringen den Patienten dann auch direkt dorthin auf die Verbrennungsstation!“ berichtet Silas.

„Danke! Zieh jetzt Ketanest und Dormicum auf!“

„Doktor, tu jetzt was! Ich gehe kaputt! Das tut höllisch weh!“

Mirco wird gleich wahnsinnig vor Schmerzen. Als der Tropf liegt spritze ich Mirco das starke Schmerzmittel und zusätzlich ein Medikament, das soll ihn schläfrig machen soll. Nach etwa einer Minute hört Mirco auf sich zu winden, wird für einen Moment ganz ruhig, um mich dann wie aus der Pistole anzuschreien:

„Boh, Doktor, das Zeug is ja geil! Das knallt ja super! Is ja wie Fliegen!“.

Er krümmt sich vor Lachen auf dem Sofa, kann sich beinahe nicht mehr einkriegen.

„Ketanest und Dormicum. Gute Mischung!“ kommentiert Silas.

Ich spritze noch 2 Milligramm Dormicum hinterher. Nun dämmert Mirco langsam ein.

„Wir brauchen jetzt das Verbrennungsset!“

Zusammen mit Silas nehme ich die sterile Metalline-Folie aus der Verpackung, schneide Löcher für Augen, Nase und Mund hinein. Anschließend bedecken wir damit das ganze Gesicht.

„Ok, laßt uns kurz überlegen: die Infusion läuft, Schmerzmittel hat er bekommen, einen Verband auch. Dann gehts jetzt mit ihm ins Auto und ab zum Hubschrauber!“

Die Jungs bereiten die Trage vor und packen unser Material zusammen. Ich habe kurz Zeit mich im Zimmer umzusehen. Es sieht hier aus wie bei „Hempels unterm Sofa“. Sind wir im Wohnzimmer? Der große Fernseher an der Wand und das verloren wirkende Zweiersofa direkt davor lassen es vermuten. Der Rest in diesem Zimmer erinnert mich an einen Bahnhofsvorplatz: eine fast leere Bierkiste, Kronkorken, eine umgekippte Sambuca-Flasche, Kippen und Tabakkrümel wild auf dem Fußboden verstreut. Mehr gibt das „Wohnzimmer“ nicht her. Fernseher, Zweier-Sofa und Partyabfälle. Sonst nichts. Schöner Wohnen geht anders…

Auf dem Weg zum Rettungswagen frage ich die junge Frau nach dem genauen Hergang des Unfalles.

„Wir haben seit heute Vormittag Vatertag gefeiert. Aber der Idiot mußte ja unbedingt zum krönenden Abschluß noch brennenden Sambuca trinken. So wie beim Italiener. Allerdings aus Wassergläsern! Als hätte die halbe Kiste Bier nicht schon gereicht!“

„Und dann?“

„Mirco hat mit seinem Kumpel Verbrüderung mit dem flammenden Schnaps getrunken. Schön jeder sein Glas in der Hand, gegenseitig den Arm eingehakt und ‚Prost’. Im Suffkopp haben die beiden dabei noch einen Tanz gemacht. Dabei isses passiert. Das  Wasserglas voll mit brennendem Schnaps mitten in sein Gesicht. Er sah aus wie eine lebende Fackel!“

Ich schaue die Frau sprachlos an und steige zu Mirco in den Rettungswagen.

Nachtrag: Eine Stunde später liegt Mirco bereits auf dem OP-Tisch der Uniklinik. Er wird die Klinik erst 14 Wochen später wieder verlassen. Sein rechtes Ohr und Teile seiner Nase konnten nicht gerettet werden.

sambuca

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis: Will Murray (Willscrlt) via Wikipedia