„Leblose Person, männlich, 34“ stand vor zwei Minuten auf meinem Pieper. Jetzt rasen Helge und ich mit Blaulicht über die finstere Landstraße in das kleine schwäbische Dorf.

Winter 1999. In einer Woche will ich meinen 34. Geburtstag feiern. Die Einladungen an meine Freunde sind längst ausgesprochen und das Abendessen geplant. In diesem Moment auf der Blaulichtfahrt im Notarztauto kann ich nicht erahnen, daß nur wenige glückliche Zufälle dafür verantwortlich sein werden, daß die Feier mit mir stattfindet, und daß es eine Geburtstagsfeier für mich und keine Trauerfeier für meine Angehörigen wird…

Unterwegs erfahren wir über Funk, daß eine „Telefon-Reanimation“, also ein vom Mitarbeiter der Rettungsleitstelle telefonisch angeleiteter Wiederbelebungsversuch, nicht möglich ist.

Nach 12 Minuten stehen wir gemeinsam mit dem Rettungswagen vor dem alten Fachwerkhaus in der Zimmermannstraße. Unten am Eingang steht eine junge, gepflegte Frau, die mir wortlos den Weg in das erste Obergeschoß weist. Im Innern des Hauses riecht es muffig. Ich muß unweigerlich an die Gartenbutze meiner Großeltern denken: feuchte Wände, altes Sofa, ein Plumpsklo und dazu ein Holzofen. Eine steile, schmale Treppe führt die erste Etage. Oben angekommen dann eine kurze Orientierungslosigkeit. Wo müssen wir jetzt hin? Fünf, sechs verschlossene Zimmertüren habe ich vor mir.

„Wo ist der Patient?“ brülle ich ins Treppenhaus.

Die junge Frau kommt nun auch hoch zu uns.

„Da hinten um die Ecke!“ schickt sie mich mit osteuropäischem Akzent zu einem weiteren Raum, dessen Eingang mir hinter der Treppe, die in das Dachgeschoß führt, verborgen blieb.

Nach wenigen Schritten durch den Flur erreiche ich ein winziges Zimmer. In der geöffneten Tür steht ein alter Mann. Er kann sich nur mühsam an zwei Gehstützen aufrechthalten. Vor ihm auf dem Teppich des kleinen Zimmers liegt Martin, die „leblose Person“. Mein Versuch mich schnell an dem alten Mann vorbei in das Zimmer zu schlängeln, scheitert. Keine Chance. Ich passe an dem Senior und seinen beiden Krücken nicht vorbei.

„Bitte gehen Sie aus dem Weg, so daß wir helfen können!“

Mühsam versucht er so rasch es geht Platz zu machen, gibt sein Bestes, kommt damit aber nur zentimeterweise von der Stelle.

„Ich hatte eine schwere Hüft-OP. Geht nicht mehr so flott wie früher!“

„Kommt, wir heben den Mann schnell aus dem Weg!“ sage ich zu den drei Sanis.

Helge und Mike sind sofort bei der Sache, greifen dem Opa rasch unter die Arme und ziehen ihn samt seiner Gehstützen ein kleines Stück zur Seite, so daß es Jan und mir gerade knapp gelingt zwischen Türrahmen und Senior in den Raum zu kommen. Der Länge nach liegt Martin in Jogginghose und T-Shirt bekleidet auf dem Boden. Er füllt den Raum mit seinem massigen Körper beinahe vollständig aus: die Füße liegen rechts vor der Zimmertür, der Kopf dicht vor der Heizung an der gegenüberliegenden Seite des Raumes unter dem einzigen Fenster.

„Der Mann ist im Gesicht noch rosig, nicht tief violett, wie ich es von Verstorbenen kenne. Vielleicht haben wir noch Erfolg?!“ denke ich.

Martin ist so raumgreifend und das Zimmer so eng, daß wir nur zu zweit Platz neben dem Leblosen finden. Mike und Helge müssen im Flur zurückbleiben und Jan und mich sozusagen „von außen bedienen“. Ich quetsche mich zwischen Martins Kopf und die Heizung. Rechts raubt ein großer Schreibtisch Platz, so daß sich Jan links neben den Patienten knien muß.

Ein schneller Check: keine Atmung, kein Puls.

„Fang an zu drücken!“ sage ich zu Jan und dann weiter zu Helge:

„Wirf mir den Beatmungsbeutel her! Und dann die EKG-Elektroden!“

Während Jan neben mir rhythmisch auf das Brustbein des Mannes drückt, presse ich zweimal mit dem Beatmungsbeutel Luft in dessen Lunge. Dann schnell die großen EKG-Kleber auf Martins Brust fixieren und wieder beatmen. Jetzt eine kurze Pause und ein schneller Blick auf das EKG: Martins Herz steht still. Jan drückt sofort weiter. Ihm steht schon der Schweiß auf der Stirn. In dem offensichtlich als Büro genutzten Raum ist eine Affenhitze.

„Schmeiß mir alles für’n Zugang her und Adrenalin aufziehen!“

Mike ergattert tatsächlich noch einen winzigen Platz neben Martin, in dem er die nach innen zu öffnende Zimmertür trotz eines Widerstandes kraftvoll noch einige Zentimeter weiter aufschiebt. Es poltert. Egal, Kollateralschaden, aber jetzt sind wir zu dritt am Patienten. Er gibt mir die Kanüle, die ich in einer dicken Vene am Hals platzieren kann. Schnell ein Pflaster drauf, damit das Ding nicht rausrutscht und wieder zweimal beatmen.

„Hier, das Adrenalin!“

In dieser Sekunde, gerade als ich ein Milligramm des kreislaufanregenden Medikamentes in die Halsvene spritze, fragt Jan unvermittelt in die Runde:

„Warum wird denn mein Hintern so heiß?“

Er drückt weiter und dreht seinen Kopf weg vom Patienten hin zur geöffneten Zimmertür.

„Scheiße! Ein Holzkohlegrill!“ ruft er erschrocken.

Und tatsächlich! In der Ecke hinter der geöffneten Zimmertür, beim Blick von außen in das Zimmer überhaupt sichtbar, liegt ein umgefallener, schwarzer Grill, davor einige Briketts und Asche.

Hilfe! Kohlenmonoxid! Und wir mittendrin!

Kohlenmonoxid (chem. CO) ist ein lebensgefährliches Gas, das bei der unvollständigen Verbrennung von kohlenstoffhaltigen Feststoffen entsteht. Das geruchs-, geschmacks- und farblose Gas ist ohne technische Hilfsmittel (CO-Warngerät) vom Menschen nicht bemerkbar.

Einmal eingeatmet, besetzen die CO-Moleküle den Sauerstoff-Transportplatz der roten Blutkörperchen und geben ihn nicht mehr für die Sauerstoff-Moleküle frei. Die Folge ist ein zunehmender Sauerstoffmangel im Körper, der letztendlich zum Tode durch Ersticken führt.

Die körperlichen Symptome sind abhängig vom Anteil der besetzten roten Blutkörperchen (% CO-Hb): über 10% > Kopfschmerzen, über 20% > Schwindel und Übelkeit, über 30% > Sehstörungen, über 40% > Herzrhythmusstörungen, über 50% > Koma, über 60% > akut drohendes Atem- und Kreislaufversagen.

Die einzige kausale Therapie einer Kohlenmonoxidvergiftung ist die hochdosierte Sauerstoffgabe. Bei einem nur geringen Anteil von mit CO beladenen roten Blutkörperchen, reicht die Gabe von Sauerstoff per Maske. In fortgeschrittenen Vergiftungsfällen muß der Patient in eine Überdruckkammer (Taucherkammer). Atmet der Patient nämlich Sauerstoff unter erhöhtem Umgebungsdruck, dann wird das Kohlenmonoxid aus den roten Blutkörperchen herausgedrängt, so daß die Transportplätze wieder vom Sauerstoff genutzt werden können.

Mir rasen 1000 Gedanken durch den Kopf. Ich bin wie gelähmt. Was sollen wir tun? Eigensicherung? Aufhören und sofort den Raum verlassen? Weitermachen? Um Martins Leben kämpfen?

Da springt Mike auf und will das Fenster über mir öffnen. Die heruntergelassene Aluminium-Jalousie behindert seinen ersten Versuch. Beim zweiten, sehr kräftigen Anlauf gelingt es ihm. Die Jalousie kracht samt Halterung neben mir auf den Teppich, aber das Fenster steht nun weit auf. Dann schiebt er mit seinem Stiefel in Windeseile die herumliegenden Briketts zurück in den Grill und schmeißt kurzerhand alles aus dem Fenster.

„Wie gehts Euch?“ frage ich in die Runde, „irgendwelche Beschwerden?“

Helge und Mike antworten nicht. Schütteln nur kurz mit dem Kopf.

„Mir ist ziemlich schwindelig!“ antwortet Jan.

Ich selbst habe Kopfschmerzen, fühle mich aber sonst gut.

„Jan, geh raus an die Luft! Und bestell dir über Funk einen weiteren Rettungswagen! Wir machen weiter!“

Mike löst Jan sofort beim Drücken ab, und ich versuche gleich Martin einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre zu schieben. Dazu greife ich zuerst an seinen Unterkiefer, um seinen Mund zu öffnen.

„Ich kriege den Mund nicht auf, irgendwie verkrampft! Zieh mal Succinyl auf, damit wird der Unterkiefer schon locker!“

Helge kümmert sich um das muskelentspannende Medikament. Mike drückt weiter auf Martins Brustbein. Bevor ich das „Succi“ spritze, noch schnell zweimal Sauerstoff mit dem Beatmungsbeutel in die Lungen unseres Patienten. Dann drückt Mike weiter. Nach einer guten Minute versuche ich erneut Martins Mund zu öffnen. Es gelingt mir wieder nicht.

Warum wirkt das Zeug nicht? Klappt doch sonst immer!

Da schießt es mir wie ein Blitz in den Kopf: Martin ist längst tot! Die Leichenstarre hat bereits seinen Unterkiefer ergriffen! Seine rosige Gesichtsfarbe hat mich auf die falsche Fährte geführt….

„Wir hören auf. Sind zu spät gekommen!“ sage ich zu den Jungs.

 

Nachtrag:

Nachdem die Kripo eintraf und wir die Einsatzstelle für weitere Todesermittlungen an sie übergeben hatten, sind Helge, Mike, Jan und ich in die Uniklinik gefahren worden, um uns untersuchen zu lassen. Der dort gemessene Anteil von CO-Hb lag bei Jan, der am längsten im Raum und am nächsten am Grill war, bei 21%! Bei mir wurde ein Wert von 17% bestimmt. Mike und Helge, die sich größtenteils außerhalb des kleinen Zimmers aufhielten, hatten Werte um 8%. Unser Dienst war damit beendet.

Ich bin mir bewußt, daß unser Leben an diesem Tag am seidenen Faden hing und wir saumäßiges Glück hatten. Warum?

Wir eilen in das Zimmer, sehen keinen Grill, aber einen leblosen Patienten mit rosigem Gesicht. Eine teuflische Finte, denn CO sorgt für einen frischen Teint! Dann aber greift der Schutzengel ein und beschert uns zwei Glücksmomente:

Die Zimmertür ist einige Minuten vor unserem Eintreffen von der jungen Frau geöffnet worden. So war der Raum schon vor unserem Betreten etwas gelüftet.

Mike hat mit viel Kraft die Zimmertür so weit aufgeschoben, daß der versteckte Grill umfiel und Jan einen heißen Hintern bekam. Erst dadurch haben wir die CO-Quelle entdeckt und uns allen „nochmal den Arsch gerettet“!

Heutzutage sind übrigens kleine CO-Warngeräte regelmäßig bei Feuerwehr und Rettungsdiensten im Einsatz.

knackpo

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis: https://fitnfemale.com