Stuttgarter Vorort 2003.

Ich steige an der gemeldeten Einsatzstelle aus dem signalroten BMW und sehe, wie sich just in dieser Sekunde ein Sanitäter im vollen Schwall auf den Bürgersteig erbricht.

Kreideblass steht er an das heruntergekommene Backsteinhaus gelehnt, schaut jetzt zu mir rüber und wischt sich den Mund am Ärmel seiner Jacke ab.

Mir läuft es kalt den Rücken runter. Aber das ist nur der Anfang…

„Oh Gott, was geht denn hier ab?“ frage ich Jan, den Fahrer des Notarztautos.

Er zuckt mit den Schultern und antwortet: „Gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder er hat sich den Magen am Mittagessen verdorben oder drinnen im Haus gibts was ganz, ganz Furchtbares! Diesen Sani haut eigentlich nichts um. Heinrich ist seit 100 Jahren im Job und hat schon alles gesehen!“

Wir sind mit dem Notarztauto nur wenige Minuten nach dem Rettungswagen an der Einsatzstelle eingetroffen.

„Hilflose Person hinter verschlossener Tür – Ulmenstraße 2“ stand auf dem Alarmmelder. Über Funk haben wir während unserer Anfahrt zusätzlich erfahren, daß die Polizei ebenfalls alarmiert ist.

Nachdem ich mir den Notfallrucksack aus dem Kofferraum genommen habe, gehe ich zügig in Richtung Eingang des Hauses, wo zwei Polizisten mit auffallend käsigen Gesichtern stehen.

„Den Rucksack können Sie im Auto lassen! Der hilft hier auch nicht mehr!“ empfängt mich einer der beiden Beamten.

„Eine Atemmaske und Raumspray oder ein Wunderbaum wären sinnvoller!“ ergänzt sein dicker Kollege.

Verwundert schaue ich die beiden an und frage:

„Was ist passiert?“

„Der Mann ist wohl schon länger tot. Wurde heute erst gefunden. Sieht nicht gut aus…“ antwortet der Dicke.

„Komm, wir schauen uns den Mann mal an!“ sage ich dann zu Jan, der jetzt auch bei uns steht.

„Ihr müßt noch warten. Zwei Mitarbeiter der Tierrettung sind gerade erst rein und fangen den verwirrten Hund des Toten ein!“

Kaum hat der Polizist das ausgesprochen hören wir ein heftiges Gebell aus dem offenstehenden Fenster im ersten Obergeschoss. Nach kurzer Ruhe plötzlich ein bedrohliches, immer lauter werdendes Knurren, unmittelbar gefolgt von einem lauten Schrei.

„Aaah, Scheißköter!“

Jetzt kommt ein Mann mit einem blutigen Handschuh und schmerzverzerrtem Gesicht aus dem Haus gelaufen.

„So ein Mistvieh. Hat mir voll in die Hand gebissen! Durch den Lederhandschuh!“

Als ich mich dem Mann zuwenden will, höre ich ein schrilles Fiepen aus dem Haus. Nun ist für einen kurzen Moment wieder still. Dann dringt eine laute Männerstimme durch das offene Fenster:

„So, jetzt hab ich dich Freundchen!“

Einen Augenblick später verläßt ein Mann im blauen Overall das Haus. An einer lange Holzstange, an deren Ende sich eine Metallschlinge befindet, zieht er einen grauen Pudelmischling hinter sich her. Das Tier sieht erbärmlich aus: abgemagert, struppig und seine Augen sind trüb.

„Mach mal das Auto auf und die Hundebox!“

Dann geht der Hundefänger mit dem winselnden Tier zu einem VW-Bus und sperrt den Hund in einen Käfig. Jetzt erst ist der Vierbeiner still.

Ich werfe einen schnellen Blick auf die blutende Hand des Mitarbeiters der Tierrettung. Am Daumenballen klafft eine ordentliche Bisswunde.

„Mach mal einen sterilen Verband auf die Hand und dann ab in die Klinik!“ bitte ich den zweiten Sani vom Rettungswagen. Kollege Heinrich ist noch „out of order“.

Nun folgen Jan und ich dem Rat des Polizisten und ziehen uns Atemschutzmasken auf.

Ich will schon das Haus betreten, da hält Jan mich nochmal auf.

„Hier, ein altes Hausrezept. Mach dir das auf deine Maske!“

Er reicht mir ein kleines Fläschchen mit Zitronenöl, von dem ich jetzt einige Tropfen auf meinen Atemschutz träufele. Mit frischem Zitronenduft in der Nase betreten wir das Haus, laufen in die erste Etage und öffnen die nur angelehnte Wohnungstür.

Was wir jetzt zu sehen bekommen ist so furchtbar, daß es mir schwerfällt in Worte zu fassen!

Unmittelbar hinter der Tür treffen wir gleich auf den Toten. Es stinkt trotz Zitronenöl und Maske widerlich. Der säuerlich-faulige Geruch läßt mich würgen. Mein Magen wehrt sich mit aller Macht gegen den Aufenthalt in diesem Raum.

Der Verstorbene liegt bäuchlings im Flur der kleinen Wohnung. Um ihn herum ein ausgetrockneter, dunkler „See“ – vermutlich eine Mischung von sämtlichen Körpersäften. Sein Kopf ist nach links gewendet, und seine Arme sind nach vorne, wie zum Kopfsprung, ausgestreckt.

Allerdings nicht sein ganzer Kopf und nicht seine ganzen Arme!

Die rechte Hand des Mannes fehlt völlig. Da, wo mal das Handgelenk war, sind nur noch einzelne Sehnenfetzen und die angenagten Knochenenden von Elle und Speiche zu identifizieren. Etwas unterhalt des Ellenbogens ist ein großes Loch im Arm, durch das ich die Elle sehen kann.

Ein ähnliches Bild an der anderen Hand: alle Finger sind weg, sowie weite Teile der Mittelhand. Im Bereich der Handwurzel endet das Gruselbild auch hier mit ausgefransten Sehnen und blanken, angefressenen Knochen.

Am Handgelenk des Toten blinkt ein Herren-Goldkettchen mit einer Gravur: „Sabine forever“.

Von der linken Gesichtshälfte des Toten ist überhaupt nichts mehr zu erkennen. Die gesamte Oberhaut fehlt. Alles Unterhautfettgewebe (was das Aussehen eines Menschen wesentlich mitbestimmt!) und alle Gesichtsmuskeln der linken Kopfhälfte sind weg.

Einfach komplett weg!

Das blanke Schläfenbein, das Jochbein und der Unterkiefer liegen frei vor meinem Blick. In der linken Augenhöhle sehe ich anstelle des Augapfels ein einziges gespenstisches Gewusel und Gekrabbel von unterschiedlich großen Würmern und Maden.

Die schreckliche Gewissheit: Gesicht und Hände des Mannes wurden von seinem eigenen Hund nach und nach aufgefressen! Horror!

„Boh, ich muss hier weg!“ sage ich ganz knapp zu Jan, der hinter mir im Wohnungseingang steht und nicht die ganze Szene überblicken kann. Ich drängele mich an ihm vorbei durch die Wohnungstür ins Treppenhaus. Ich will nur raus, schnell an die frische Luft! Draussen im Freien reiße ich mir die Atemmaske vom Gesicht. Dann lehne ich mich an die Hauswand, atme einige Minuten tief ein und aus und konzentriere mich einzig darauf nicht gleich zu brechen…

Nach einiger Zeit gehe ich zu Jan, der schon im Auto sitzt und bitte ihn den Polizisten zu sagen, daß sie die Kollegen der Kripo verständigen sollen.

„Sag ihnen, daß ich den Mann nicht identifizieren kann.“

Die Identität des Toten ist mit dem üblichen Vergleich „Gesicht im Paßbild / Gesicht des Toten“ nicht sicher zu klären.

Nachdem ich den Kripobeamten meinen Bericht gegeben und alle Dokumente ausgefüllt habe, fahren wir zurück zur Rettungswache. Mir ist immer noch kotzübel. Ich stelle mich ewig lange unter die Dusche und versuche mir den furchtbaren Gestank von Fäulnis und Süße vom Körper zu waschen. Vergeblich. Dann lege ich mich auf mein Bett im Bereitschaftszimmer und mache die Glotze an. Ich muss mich irgendwie ablenken und den verstümmelten Mann und den kleinen Hund vergessen. Das gelingt mir trotz 34 verschiedenen TV-Kanälen nicht.

In der anschliessenden Nacht kann ich nicht schlafen. Horrorbilder tanzen vor meinen Augen: der zerbissene Lederhandschuh, das Blut, der winselnde Mischling in der Metallschlinge des Hundefängers, die Sehnenfetzen und die Maden in der Augenhöhle.

Ich wälze mich hin und her und frage mich:

„Was kann ich alles aushalten?“

 

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis: MontyLov via unsplash.com