Herbst in der Schweiz.

Der Almabtrieb ist längst Geschichte und die „Tour-de-Suisse 2010“ kennt seit zwei Monaten ihren Sieger. Das idyllische Dorf in mitten der Berner Alpen am Fuss der Pässe Richtung Italien kann nun Kraft sammeln für die nahende Wintersaison. Nur noch wenige Touristenbusse mit Asiaten und Amerikanern rollen vor die grossen Hotels der Stadt. Eiffelturm, Peters Dom, Spanische Hofreitschule, Berliner Mauer und Jungfrau-Joch in fünf Tagen… Der auf die Minute getaktete Strom der zahllosen Übernachtungsgäste aus aller Herren Länder versiegt für ein halbes Jahr, bevor er im nächsten April wieder anfängt zu sprudeln.

Nachdem Kommissar Thiel und Professor Börne den Mord an der jungen Schauspielerin in Münster aufgeklärt haben, gehe ich um 22 Uhr ins Bad. Schnell noch Duschen und Zähneputzen, dann bin ich bettfertig. Hörspiel an, Licht aus. Gute Nacht.

Keine 30 Minuten später, ich bin gerade weggedöst, schlägt mein Funkmelder Alarm.

„Leblose Person – Hotel Hirschen“ meldet die Rettungsleitstelle via Display.

Schnell wieder in die roten Klamotten, Stiefel an und los zur Fahrzeughalle. Ich setze mich auf den Beifahrersitz des Notarztwagens. Wenige Sekunden später kommt auch „Der Warder-Dani“, der heutige Assistent und Fahrer des Autos.

„Das wär jetzt um diese Uhrzeit auch nicht mehr nötig gewesen!“, sagst und schaltet das Blaulicht an.

In nur vier Minuten erreichen wir das Jugendstil-Hotel. Am Hauptportal werden wir von einem der Rezeptionsmitarbeiter erwartet.

„Eine ältere Dame aus Amerika liegt reglos im Bett in Zimmer 24!“ gibt er knapp erste Informationen.

Der Sanitäter und ich eilen dem jungen Mann mit unserer kompletten Ausrüstung in die erste Etage über die dicken, samtroten Teppiche hinterher. In der Mitte des Flures steht eine kleine, ältere Frau vor Zimmer 24.

„Mary, my Mary!“ schluchzt sie.

Der Rezeptionist, Dani und ich gehen nach nur kurzem Blickkontakt rasch an ihr vorbei und betreten den grosszügigen Raum.

Auf der rechte Seite des Ehebettes, der Eingangstür abgewandt, liegt jemand unter einer dicken Bettdecke. Ich erkenne nur den Hinterkopf. Schnell haste ich um das Bett herum. Jetzt erst sehe ich in Marys Gesicht.

Ups! Was ist das denn? Doppeltes Lottchen? Die Frau sieht ja haargenau so aus, wie die Seniorin vor der Zimmertür. Einziger, aber dramatischer Unterschied: das Gesicht der Dame vor mir im Bett ist dunkelblau, fast schwarz!

Sie atmet nicht. Hat sie noch einen spürbaren Puls am Hals? Mit zwei Fingern taste ich nach der Halsschlagader. Nichts. Kein rhythmisches Zucken unter meinen Fingern. Dann ein rascher Blick in Marys Augen. Ihre Pupillen sind beinahe so gross wie Zwei-Cent-Stücke, zeigen keine Reaktion auf den Lichtstrahl meiner Taschenlampe. Kommen wir zu spät? Was ist mit dem Unterkiefer? Vorsichtig versuche ich den Mund der alten Dame zu öffnen. Das gelingt mir nicht. Die Leichenstarre hat bereits eingesetzt.

Keine Frage: Mary ist tot.

„Wir sind zu spät. Die Frau ist gestorben.“ sage ich zu Dani und dem Hotelmitarbeiter und dann weiter:

„Kennen Sie die Vorgeschichte?“

Der Rezeptionist schüttelt den Kopf.

„Nein. Die Dame gehörte zu einer amerikanischen Reisegruppe, die erst heute Nachmittag bei uns eingetroffen ist. Morgenfrüh sollte es auch schon weitergehen in Richtung Rom!“

„Und wer ist die Frau draussen vorm Zimmer?“

„Wenn ich es richtig verstanden habe, ist sie die Schwester der Verstorbenen.“

„Das wäre jetzt auch nicht nötig gewesen!“ denke ich und verlasse das Zimmer, um Marys Schwester die traurige Nachricht zu überbringen. Meine gründliche Leichenschau muss warten.

Die kleine, alte Dame steht unverändert wie ein Häufchen Elend vor Zimmer 24. Mit meinem mickrigen Schulenglisch und einem riesen Kloss im Hals versuche ich ihr einfühlsam mitzuteilen, dass wir leider nichts mehr für ihre Schwester tun konnten. Die Seniorin beginnt erneut bitterlich zu weinen, zittert dabei am ganzen Körper.

„Mary, my Sweet-Mary!“

Mir schnürt es die Kehle zu. Ich kriege beim Anblick der weinenden Oma kein Wort mehr raus. Ich hole stattdessen einen Stuhl, der weiter hinter im Flur an der Wand steht und biete der Dame an sich zu setzen. Sie sackt auf den Stuhl, und ich kann nichts anderes tun, als ihr meinen Arm auf die Schulter zu legen.

Einen Moment später kommt eine junge Frau auf uns zu, die sich auf perfektem Deutsch als Reiseleiterin vorstellt.

Nach einiger Zeit hat sich die Rentnerin etwas gefangen, so dass ich sie mit Hilfe der Reiseleiterin zu ihrer Schwester befragen kann. Mary sei immer gesund gewesen! Zuletzt hatte sie immer mal wieder Knieschmerzen. Gelenkverschleiss hatte der Orthopäde in Wisconsin diagnostiziert. Heute nach der Tour oben auf dem Jungfrau-Joch hat ihr das rechte Knie besonders weh getan. Sonst hätte Mary sich aber gut gefühlt.

Meine Frage nach anderen wichtigen Vorerkrankungen verneint die alte Frau vehement:

„Nein, nein. Mary war bis auf das Knie kerngesund. Ging einmal wöchentlich zum Seniorensport und regelmässig zur Vorsorge zu ihrem Hausarzt!“

„Hmm, woran ist Mary denn dann so unerwartet gestorben?“ frage ich Dani leise. Der zuckt mit den Schultern. Wir gehen zusammen zurück in Zimmer 24 zu Mary, um die Leichenschau durchzuführen.

Als ich bei Mary am Bett stehe schlage ich als erstes die Bettdecke zurückt. Die Frau ist mit einem langen hellblauen Nachthemd bekleidet. Dani hilft mir den Leichnam auf den Rücken zu drehen und dann komplett zu entkleiden. Da springt mir sofort das dick geschwollene rechte Knie ins Auge.

Aber nicht nur das!

Auf dem Knie kleben fünf kleine braune Pflaster.

„Was ist das denn?“ fragt Dani.

Ich ziehe eines der Pflaster ab, um die Beschriftung lesen zu können. „Duragesic 100“ steht da in winzigen Buchstaben. In dieser Schreibweise kenne ich das nicht. Wohl aber mit sehr ähnlichem Namen: „Durogesic 100“. Ein sehr starkes Schmerzpflaster mit dem Wirkstoff Fentanyl, 100 mal stärker als Morphium.

„Dani, wie hören jetzt sofort mit der Leichenschau auf und fassen nichts mehr an. Verständige bitte die Polizei! Mary ist wohl keines natürlichen Todes gestorben!“

Nachtrag:

Etwa 40 Minuten später trafen die Mitarbeiter von Kripo und Kriminaltechnik ein. Deren Ermittlungen zu den Todesumständen von Mary ergaben folgendes:

Lissi, Marys Zwillingsschwester, litt seit Jahren an Osteoporose (Knochenschwund). Im Rahmen dieser Erkrankung kam es bei ihr zu einem Wirbelkörperbruch an der Brustwirbelsäule. Die dadurch verursachten Schmerzen behandelte Lissis amerikanischer Orthopäde mit Fentanyl-Schmerzpflastern (Duragesic), die Lissi immer genau über den kaputten Wirbel klebte.

Schmerzmittel können auf verschiedene Arten verabreicht werden. Gängige Methoden sind Tabletten, Tropfen oder Spritzen. Eine neuere Art der Applikation ist die Gabe mittels Pflaster. Der Wirkstoff (hier Fentanyl) wird dabei über die Haut aufgenommen. Das Pflaster gibt ganz gleichmässig eine definierte Menge des Analgetikums ab. Im Falle von „Duragesic 100“ werden pro Stunde 100 Mikrogramm dieses Medikamentes über die Haut in den Blutkreislauf aufgenommen. Durch die Blutbahn gelangt dann das Schmerzmittel in den gesamten Körper und auch in das Gehirn, wo es an bestimmten Rezeptoren andockt und dort die Schmerzwahrnehmung dämpft oder sogar ganz abschaltet. Allerdings gelangt der Wirkstoff eben nicht nur an diese Rezeptoren, sondern mit dem Blut auch in das Atemantriebszentrum im Gehirn. Ab einer bestimmten Dosierung wird der Atemantrieb zunehmend gelähmt, so dass es letztlich zum Ersticken kommt.

Lissi hatte keine Ahnung von der Wirkungsweise, der Stärke und den Nebenwirkungen ihrer Schmerzpflaster. Im Wunsch ihrer geliebten Schwester die Schmerzen zu nehmen, macht sie jetzt einen fatalen Fehler und die Tragödie beginnt…

Lissi klebt ihrer von Knieschmerzen geplagten Schwester fünf (!) Fentanyl-Pflaster auf die am meisten schmerzenden Stellen am Knie. Dann geht Lissi zum gemeinsamen Abendessen der amerikanischen Reisegruppe. Mary bleibt derweil im Zimmer zurück, will sich und vor allem ihr Knie für die weitere Reise schonen. Und während ihre drei Minuten ältere Schwester nach dem Essen noch einem Schweizer Jodel-Chor zuhört, kämpft vergebens Mary um ihren letzten Atemzug…

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis: https://www.flickr.com/photos/janewaterbury/2731316978