Nachmittags im Hochsommer 2014.

Seit zwei Wochen liegt eine flirrende Hitze über Deutschland. Auch nachts sinken die Temperaturen nicht unter 21 Grad. An den letzten Regen kann ich mich nicht mehr erinnern. An den letzten erholsamen Schlaf leider auch nicht…

Vier, fünf Sanis und ich sitzen lethargisch mit dunklen Augenrändern im Schatten des großen, grauen Zeltes. Uns steht der Schweiß auf der Stirn. Jede Bewegung erscheint zuviel. Der kleine Ventilator auf dem Feldbett nebenan müht sich ab, schafft aber keine Abkühlung.

Mir dröhnt der Kopf. Von der Hitze. Und von den ständigen 90-100 Dezibel in meinen Ohren, die von der riesigen Bühne kommen, die keine 100 Meter rechts von uns steht.

Willkommen beim Notarztdienst im „Metal Mekka“!

Was 1990 mit wenigen hundert Fans begann, ist jetzt das größte Heavy Metal Festival Deutschlands. Knapp 70.000 Fans sind heute auf dem 240 Hektar großen Festivalgelände versammelt. Menschen ohne Ende! Und was für Menschen…

Trotz der brütenden Hitze halten sich viele an den ungeschriebenen „Metal-Dresscode“: mindestens schulterlange Haare, Holzfäller-Vollbart, schwarze Jeans, dunkles T-Shirt mit dem Motiv der Lieblingsband und dazu schwarze Springerstiefel. Die härtesten der harten Metaller tragen außerdem noch lange, schwarze Ledermäntel. Trotz der glühenden Sonne von oben. Keine Frage: das hier sind echte Kerle! Den Hitzetod vor Augen, ziehen sie dennoch ihr „schwarzes Programm“ durch.

Die letzten Helden dieser Erde!

Seit 13 Uhr ist die Freiwillige Feuerwehr ununterbrochen damit beschäftigt die Headbanger vor der Hauptbühne mit Wasser aus mehreren C-Schläuchen zu beregnen und abzukühlen. Ohne diese Feuerwehrjungs und -mädels wäre unser Behandlungszelt längst aus allen Nähten geplatzt. Aber so ist es ruhig. Medizinisch gesehen…

Bislang haben nur etwa 20 Festivalgäste unsere Hilfe in Anspruch genommen. Nichts Wildes: ein paar umgeknickte Füße, ein feuerroter Sonnenbrand und eine ganze Männertruppe mit „Magen-Darm“ und Kopfschmerzen. Erstaunlicherweise aber kein einziges Opfer einer Schlägerei! Metal-Fans wissen offenbar wie gefeiert und getrunken wird: ausgelassen und friedlich.

Plötzlich werde ich von meiner Liege aufgeschreckt! Durchdringende Hilfeschreie! Ganz in unserer Nähe und für Sekunden lauter als das Bühnenprogramm. Sofort kommt Bewegung in unser Phlegma. Ruckzuck sind wir vorm Behandlungszelt und schauen wer unsere Hilfe benötigt. Zwanzig Meter vor unserer Sanitätsstation entdecke ich einen dieser „letzten Helden“ mit dunklem Ledermantel und schmerzverzerrtem Gesicht. Zwei Begleiter stützen den knapp zwei Meter großen Mann. Ich laufe dem Trio rasch entgegen. Der Hilfsbedürftige im Ledermantel drückt mit der ganzen Kraft seiner rechten Faust auf den Zeigefinger seiner linken Hand. Ihm laufen Tränen über die Wangen.

„Kommen Sie bitte gleich mit in unser Behandlungszelt!“

Was ist diesem Mann bloß passiert? Hat er sich den Finger amputiert?

Mit letzter Kraft schleppt sich der Hüne mit Hilfe seiner Kumpels bis auf eine unserer Behandlungsliegen. Dann sackt er kraftlos zusammen. Ich rüttele an ihm. Einer der Sanis beginnt am rechten Arm den Blutdruck zu messen.

„Hallo! Hallo! Bitte lassen Sie die Augen auf! Was ist denn passiert?“

Der Mann antwortet mit zerbrechlicher Stimme:

„Mein Finger!“

Mehr bringt er nicht heraus. Rasch wende ich mich deshalb den beiden Begleitern zu:

„Wißt Ihr was los ist?“

„Keine Ahnung. Kumpel Johnny Lo hat irgendwas am Gasgrill geschraubt. Dann schrie er plötzlich wie irre und hielt sich seinen Zeigefinger.“

„Der Blutdruck ist 100 zu 50!“ sagt der Sani. Ich entgegne:

„Gibst Du mir mal zwei, drei sterile Kompressen? Ich muß den Finger untersuchen!“

Johnny Lo schaut mich jetzt aus verzweifelten Augen an.

„Keine Angst! Ich mache nichts Schlimmes. Ich sehe mir die Verletzung nur kurz an und mache einen sterilen Verband drauf. Und dann gehts auch schon ins Krankenhaus!“ versuche ich den Metal-Fan zu beruhigen.

„Bitte Doktor, versprich mir, daß der Finger dran bleibt!“ fleht er mich an.

Vorsichtig versuche ich Johnny Lo’s Faust zu öffnen, um das Ausmaß der Verletzung betrachten zu können.

Keine Chance. Unser Patient hält die Faust krampfhaft um den Finger.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Wir kümmern uns um Ihren Finger! Bitte zeigen Sie mir jetzt die Wunde!“

Ganz zaghaft, Millimeter um Millimeter öffnet der Mann nun die Faust und gibt den Blick auf seinen linken Zeigefinger frei.

Der Anblick von Johnny Los Verletzung läßt meinen Blick gefrieren. In mehr als 20 Jahren in der Unfallchirurgie habe ich noch nie, aber auch wirklich nie eine kleinere Schnittwunde gesehen als diese hier! Ein winziger, vielleicht drei Millimeter großer, oberflächlicher Schnitt in der Mitte der Fingerbeere. Und Bluten tut’s längst nicht mehr.

„Oh, da haben Sie ja noch mal Glück gehabt. Der Finger kann wahrscheinlich dran bleiben. Ich desinfiziere jetzt die Wunde und dann ist es auch schon gut!“ sage ich schmunzelnd.

„Das ist alles? Kein Verband?“ fragt Johnny Lo.

Ich schüttele den Kopf.

„Ok, dann aber mindestens ein Pflaster! Ohne irgendwas geht das gar nicht!“

Gerade will ich auch das verneinen, da grinst mich Michael, der Sani, an und sagt:

„Warte mal, ich habe für diese schweren Fälle Spezialpflaster in der Verbandskiste!“

Eine halbe Stunde später, verläßt Johnny Lo unsere Sanitätsstation. An seinem Zeigefinger prangt stolz ein buntes „Biene-Maja“-Pflaster…

Einsatz beendet – Patient gerettet!

Heavy-Metal

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Lektorat: T. Kehler