Sommer 1999, kurz nach 20 Uhr.

Der halbe Dienst liegt schon hinter mir. Die ersten 12 Stunden habe ich in der Rettungswache vorallem mit Schwitzen verbracht. Seit Tagen ist es brüllend heiß und schwül. Das sonst so lebhafte Treiben im Aufenthaltsraum des DRK ist bleierner Trägheit gewichen. Jetzt, da die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, kühlt es endlich, endlich langsam ab.

In der Tagesschau wird gerade von schweren Waldbränden irgendwo im Osten Deutschlands berichtet. Da piept es.

„Bewußtseinsgestörte Person, männlich, 67“

Nach 12 Minuten über die Landstraße stehen wir vor dem alten Fachwerkhaus, wo uns eine Frau im hellblauen Trainingsanzug an der Haustür erwartet.

Nachdem ich sie kurz begrüßt habe, frage ich:

„Worum gehts denn? Was ist passiert?“

„Mein Mann ist Diabetiker. Hat wohl zu wenig gegessen, nachdem er sich Insulin gespritzt hat. Jetzt ist er ganz benommen, sicher wieder mal Unterzucker!“

Die Frau geht uns im Hausflur voraus zu ihrem Mann, und ich denke im Stillen:

„Sehr gut! Wird eine schnelle Sache: Blutzucker messen, Tropf legen, entsprechende Menge Zuckerlösung zum Ausgleich des Unterzuckers spritzen, Blutzuckerwert dann nochmal kontrollieren. Zack. Bumm. Fertig. Zurück zur Wache.“

Zusammen betreten wir das winzige Wohnzimmer. Hier hängt Gerd wie „Schluck Wasser in Kurve“ auf einem beigen Sofa. Sein Blick ist trüb abwesend und kalter Schweiß steht ihm im Gesicht.

Ich setze mich gleich neben ihn und frage:

„Hallo, guten Abend, können Sie mich hören?“

Gerd wendet seinen Blick zu mir, aber eine Antwort bekomme ich nicht. Dann frage ich seine Frau:

„Hat ihr Mann zuvor über irgendwas geklagt? Kopfschmerzen? Unwohlsein? Sonstwas?“

„Nein. War alles so wie immer. Bis zu dem Zeitpunkt, als er sich, wie jeden Abend, sein Insulin gespritzt hat.“

„Dann legen wir jetzt einen Tropf und messen den Blutzucker!“

Nachdem Toto, der heutige Fahrer vom Notarztauto, den Zugang in eine Vene gelegt hat, gibt Rebecca einen Tropfen von Gerds Blut in das Blutzuckermessgerät. Nach drei Sekunden piept es. „Low“ zeigt der Monitor an, also niedrig. Und zwar so niedrig, daß kein Zucker mehr meßbar ist.

Als Unterzucker (medizinisch: Hypoglycämie) wird eine zu geringe Menge an Glucose (Traubenzucker) im Blut bezeichnet. Nüchternwerte von 70-100 Milligramm Glucose pro Deziliter Blut gelten als normal. Dieser Blutzuckerspiegel garantiert die ungestörte Energieversorgung unserer Zellen. Ein Absinken des Zuckergehaltes im Blut unter diesen Normalwert führt zuerst bei den sehr stoffwechselaktiven Zellen (z.B. Gehirn!) zu Funktionseinbußen. Schläfrigkeit bis hin zu Bewußtseinsverlust sind die Folge.

Im Rettungsdienst ist eine Fehldosierung des blutzuckersenkenden Hormons Insulin der häufigste Grund für Hypoglycämien. Mehr zum Thema gibt’s hier.

„Mach mal 8 Gramm Zucker fertig!“ bitte ich Toto. Kurze Zeit später reicht er mir zwei Spritzen. Nachdem ich Gerd die Lösung gespritzt habe, beginne ich damit das zweiseitige Notarztprotokoll auszufüllen. Eine leidige Pflicht, die häufig länger dauert als der gesamte Einsatz. Krankenkasse und Personalien des Patienten, Einsatznummer und -zeiten, beteiligte Mitarbeiter und Fahrzeuge des Rettungsdienstes, Krankenvorgeschichte usw. Als ich mit dem Kopf des Protokolls fertig bin, spreche ich unseren Patienten nochmal an:

„Na, gehts es Ihnen wieder besser?“

Gerd schaut mich aus großen Augen an und nickt.

„Was war denn passiert?“ fragt er mich.

Gerds Frau nimmt meine Antwort vorweg.

„Du warst mal wieder unterzuckert! Ich habe dir doch gesagt, daß du nach dem Insulinspritzen immer anständig essen sollst!“ sagt sie mit strengem, fast vorwurfsvollem Ton.

Gerd guckt bemitleidenswert.

„Na, Hauptsache es geht ihrem Mann wieder besser!“ versuche ich die Situation etwas zu entspannen. Das scheint zu wirken. Mindestens traut sich Gerd nun noch etwas zu sagen:

„Danke, daß Sie mir geholfen haben. Das Gleiche ist mir vor Kurzem schon mal passiert. Da mußte mein Hausarzt kommen!“

„Ihre Frau hat schon recht: Sie müssen nach dem Insulin ordentlich essen!“ antworte ich Gerd und freue mich, daß es ihm nach so kurzer Zeit schon wieder viel besser geht und hake den Einsatz in Gedanken schon ab. Routinefall – fertig.

„Rebecca, kontrollier bitte nochmal den Zucker! Wenn der Wert jetzt komplett in Ordnung ist, dann lassen wir unseren Patienten hier und verabschieden uns!“

Während die Sanitäterin erneut den Glucosespiegel mißt, wende ich mich wieder dem Ausfüllen des Protokolls zu. Im Mittelteil muß ich nun u.a. die Kreislaufwerte notieren, die am Anfang des Einsatzes vorlagen: Blutdruck, Puls, Blutzucker und Sauerstoffgehalt des Blutes. Da wir bis auf den Zucker keine weiteren Werte gemessen haben, überlege ich kurz, ob ich die anderen Rubriken unausgefüllt lasse. Dann denke ich aber „Ach, leere Felder, das sieht doof aus, messen wir noch schnell die anderen Werte!“

„Der Zucker ist jetzt 100!“ sagt Rebecca.

„Das ist doch gut!“ antworte ich ihr und bitte sie jetzt darum den Patienten noch kurz an den Überwachungsmonitor anzuschließen, um die leeren Protokollfelder ausfüllen zu können.

Kaum aber ist der kleine Sensor, der den Blut-Sauerstoffgehalt und den Puls mißt, an Gerds Zeigefinger, da schlägt unserer Monitor sofort Alarm. Piiiep!

„Puls 36“ blinkt rot auf dem Display. Hä? Was bitte ist das denn? Normal ist ein Puls von mindestens 60 pro Minute.

„Schreib noch rasch ein EKG!“ sage ich knapp zu Toto und danach zu Gerds Frau:

„Ist irgendwas in der Vorgeschichte am Herz ihres Mannes bekannt? Rhythmusstörungen oder ein Infarkt? Sonst irgendwas?“

„Nö, er war erst neulich zu einem Gesundheitscheck.“

„Geht es Ihnen wirklich wieder gut?“ frage ich Gerd erneut, während Toto das EKG parat macht.

„Ja, jetzt ist wieder alles in Ordnung!“

Er scheint gar nicht zu bemerken, daß sein Herz viel zu langsam schlägt.

„Jetzt bitte kurz nicht sprechen und ganz gleichmäßig atmen. Wir wollen nun das EKG aufzeichnen!“ fordert der Sani Gerd auf.

Als Toto fertig ist, reißt er den Papierstreifen mit der Herzstromkurve ab und gibt ihn mir. Das Kurvenbild sieht eigentlich völlig normal aus. Nur: es sind viel zu wenig Kurven, also viel zu wenig Herzaktionen!

Herzaktionen werden von Schrittmacherzellen, die im Herzmuskel liegen, ausgelöst. Der erzeugte elektrische „Funke“ wird über ein ausgefeiltes Netz von elektrischen Leitungsbahnen über das gesamte Herz verteilt, so daß es beim gesunden Menschen zu einem regelmäßigen und koordinierten „Zusammenziehen“ (med.: Kontraktion) der Herzmuskelzellen kommt. Das Blut wird so geordnet gepumpt. Kommt es zu Störungen der Erzeugung des elektrischen Impulses oder der Weiterleitung dieses Stromes, resultieren Herzrhythmusstörungen, die im EKG sichtbar werden.

Es gibt unzählige Arten von Rhythmusstörungen. Im vorliegenden Fall (normales Kurvenbild, aber viel zu wenige Kurven) hatte ich den Verdacht auf eine Störung bei der Erzeugung des auslösenden elektrischen Funkens, einen Fehler im Bereich des sog. Sinusknotens. Mehr Infos zu Ursachen und Therapie der „Langsamherzigkeit“ gibt es hier.

„Wir probieren es mit Atropin. Wenn das nicht klappt, müssen wir den äußeren Herzschrittmacher benutzen!“

Nachdem Toto das Medikament aufgezogen hat, spritze ich ein halbes Milligramm Atropin in Gerds Ader. Gebannt schauen wir alle auf den Monitor. „Puls 36“ blinkt da immer noch rot. Sekunden später zeigt der Monitor „Puls 42“. Einen Augenblick weiter „Puls 54“, dann „Puls 62“.

Jetzt piept nichts mehr.

„Ok, hat zum Glück geklappt. Alles einpacken und dann los in die Klinik!“ sage ich erleichtert in die Runde und dann zu Gerd:

„Wir müssen Sie jetzt doch mitnehmen. Die Herzspezialisten im Krankenhaus müssen sich dringend um Sie kümmern!“

Nach 20 Minuten geben wir Gerd wohlbehalten mit einem 60er Puls in der Klinik ab.

Und ich schwöre mir immer, immer, immer das Notarztprotokoll komplett auszufüllen. Hinter einer großen Laus, kann sich auch noch ein kleiner Floh verbergen…

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Lektorat: T. Kehler

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