Schweiz 2008. Was für ein mißlungener Start in den Dienst!

Pünktlich um 7 Uhr übernehme ich den Pieper vom Kollegen der Nachtschicht. Nur zwei Minuten später schickt uns die Rettungsleitstelle in das örtliche Altenheim:

„Leblose Person“.

Leblos bleibt die „Person“ dann auch: bei der 93-jährigen Hilde können wir nichts mehr ausrichten. Sie ist mausetot. Seit Stunden bereits, wie die weit ausgeprägte Leichenstarre deutlich zeigt. Nachdem ich alle Formalitäten erledigt habe – Leichenschau, Totenschein, Telefonat mit den Angehören – fahren Jan und ich zurück zu Rettungswache. Der erste Kaffee des Tages wartet.

Kurz bevor wir aber in die Fahrzeughalle fahren wollen, piept es erneut.

„Chirurgisch, männlich, 48“ steht auf dem Display.

„Kann doch nicht wahr sein!“ grummelt Jan, wendet das signalgelbe Auto und nimmt Ziel Richtung Nachbarort. Mit Blaulicht fahren wir am glasklaren Bergsee vorbei. Ein paar Angler sind in ihren Booten auf dem Wasser und die nimmermüden „Frühmorgens-Schwimmer“ ziehen kurze, eiskalte Bahnen.

Nach 13 Minuten erreichen wir die angegebene Adresse: das „Haus Erika“.

„Haus“ trifft es nicht. Gar nicht. „Villa Erika“ sollte das Anwesen hier heißen, besser noch: „Palast Erika“! Ein riesiges parkähnliches Anwesen mit einer monströsen Jugendstil-Villa im Zentrum. Davor steht ein Rettungswagen.

„Geh schon vor, ich bringe die Medikamente hinterher!“ sagt Jan.

Schnell eile ich den von Buchsbäumen gesäumten Kiesweg entlang, dann 10 Stufen hoch bis zum Eingangsportal. Hier werde ich von einer Frau in Empfang genommen. Die gepflegte, alte Dame weist mir mit resolut ausgestrecktem Zeigefinger den Weg zu der breiten Empore, die hoch in die oberen Etagen führt.

„Martin ist in seinem Zimmer. Ganz oben. Im Dachgeschoß. Ich bin seine Stiefmutter!“ Sagt sie knapp, fast herrisch.

„Boh, was für ein Haus! Hier wohnt richtig viel Geld!“ schießt es mir durch Kopf als ich die endlose Treppe hoch eile. Überall Ölgemälde und Bronzestatuen in allen Größen, goldene Lüster an den Wänden und dazu große Perserteppiche auf dem Marmorboden.

Außer Atem erreiche ich nach unzähligen Stufen das Dachgeschoß und stehe vor Martins Zimmer.

„Hier riecht es aber komisch!“ denke ich noch, kurz bevor ich den Raum betrete. Dann, als ich die Zimmertür ganz öffne, trifft mich der Schlag. Es stinkt erbärmlich! Eine Mischung aus dem fies-strengen Geruch „Wohnheim ohne Fenster für alleinstehende, schwitzende Männer“ und dem süßlich-morbiden Duft einer Leichenhalle.

Mich würgt es!

Ich wende meinen Blick in das Zimmer. Die winzige Dachbodenkammer ist bis zum letzten Quadratzentimeter zugemüllt: alte, schmutzige Kleidungsstücke, Zigarettenreste, blutige Taschentücher, dazwischen vergammeltes Essen, zerknitterte Pornoheftchen und ein vergilbter Computer.

Auf diesem „Müllberg“ liegt Martin. Ein ausgezehrter, ungepflegter Mann mit filzigen Haaren, gelben, langen Fingernägeln und zotteligem Vollbart. Er hat nur eine dreckige Unterhose an, dazu ein verfärbtes T-Shirt. Im Unrat neben ihm kniet ein Sani, der rhythmisch auf Martins Brustkorb drückt, während der zweite Sani mit einem Beutel Sauerstoff in Mund und Nase des Patienten preßt. Ich mache rasch zwei, drei Schritte nach vorne und übernehme den Beatmungsbeutel.

„Schnell, kleb’ Du das EKG auf!“ bitte ich den Sani und frage weiter:

„Was ist passiert?“

„Die alte Frau hat wohl ein Poltern gehört. Sie ist dann hoch und sah den Mann hier liegen. Dann hat sie gleich den Rettungsdienst angerufen! Als wir kamen hatte er keine Atmung und keinen Puls!“

Das EKG ist bereit.

„Mach eine Sekunde Pause!“ bitte ich den drückenden Sani.

Der Monitor zeigt uns eine Null-Linie. Martins Herz steht still.

„Drück weiter! Und Du Jan, versuch einen Tropf zu legen!“

„Wissen wir sonst noch irgendwas von dem Patienten? Vorerkrankungen?“

Die Sanis schütteln den Kopf.

Ich blicke rasch zwischen zwei Beatmungen in Martins Augen. Die schwarzen Pupillen in seinen grünen Augen sind riesig groß und zeigen keine Reaktion als ich mit meiner Lampe hineinleuchte.

Die Sanis wechseln sich bei der kräftezehrenden Herzdruckmassage ab. Ich drücke ein weiteres mal reinen Sauerstoff in Martins Lungen. Dabei fällt mir zufällig eine winzig kleine Blutlache im Müll unter dem Kopf unseres Patienten auf.

„Womöglich vom Sturz eine Platzwunde am Kopf?!“ denke ich und taste mit meiner rechten Hand entlang des Hinterkopfes von Martin. An meinem Handschuh klebt nun Blut.

„So, der Tropf liegt!“.

„Dann mach gleich Adrenalin fertig!“

Ich versuche die Wunde am Hinterkopf näher zu inspizieren, muß dazu aber den Beatmungsbeutel aus der Hand legen, damit ich zwei Hände frei habe. Ich umgreife Martins Kopf rechts und links und drehe ihn vorsichtig zur Seite, um einen freien Blick auf das Hinterhaupt zu bekommen. Als der Kopf nun auf der linken Seite liegt, erkenne ich, daß die Haut hinter dem rechten Ohr und am Nacken dunkelviolett verfärbt ist. Ich betaste die Haut mit einem Finger, dann bin ich mir sicher.

„Wir können aufhören. Der Mann ist tot. Hier, hinterm Ohr und am Nacken, ganz eindeutig, Totenflecke!“

Ärzte können den Tod eines Menschen dann attestieren, wenn mindestens eines der drei sicheren Todeszeichen vorliegt: Totenflecke, Totenstarre oder Fäulnis. Außerdem zusätzlich dann, wenn „nicht mit dem Leben vereinbare“ Verletzungen vorliegen (z.B. Enthauptung). Die zeitliche Abfolge der genannten Veränderungen ist variabel und u.a. von Umwelteinflüssen, insbesondere der Temperatur abhängig.

Erste Totenflecke entstehen ca. 20 Minuten nach dem Ableben. Die volle Ausprägung erreichen sie nach etwa 3-16 Stunden.

Die Totenstarre breitet sich von der Kaumuskulatur und den kleinen Gelenken (Finger) nach unten, zu den großen Gelenken aus. Die Starre setzt ebenfalls etwa 20 Minuten nach dem Tod ein und erreicht ihr Maximum nach etwa 6-8 Stunden.

„Man, der war noch so jung! Keine 50 Jahre!“ antwortet der junge Sani sichtlich betroffen.

„Bitte dreht ihn mal ganz auf die Seite!“

Gemeinsam legen wir Martin auf seine linke Körperhälfte. Ich streife ihm sein Shirt hoch. Jetzt sehen wir auch auf dem Rücken die typischen Totenflecken.

Ich habe immer noch nicht entdeckt, aus welcher Wunde am Kopf das Blut sickerte. Mit beiden Händen „kämme“ ich mich jetzt durch die filzigen Haare des Toten. Ich kann nichts entdecken.

„Das gibt’s doch nicht! Gib mir mal ein paar saubere Kompressen! Und dann leuchte mit der Taschenlampe hierher!“ bitte ich Jan.

Zentimeter für Zentimeter untersuchen wir Martins behaarte Kopfhaut, immer dem winzigen Blutrinnsal folgend. Nach einiger Zeit entdecken wir die Blutungsquelle: ziemlich genau in der Mitte des Kopfes, am Übergang vom Scheitel- zum Hinterhauptbein, ist ein nur etwa erbsgrosses Loch.

„Was ist das denn? Wenn das Loch grösser wäre, dann würde ich jetzt denken ‚sieht aus wie eine Schußverletzung’!“ sagt Jan.

Ich nicke. Dann drehen wir Martin zurück auf den Rücken, und ich frage in die Runde:

„Und, wo ist die dazugehörige Waffe? Ruft bitte die Polizei an. Und nichts mehr anfassen. Ich spreche in der Zwischenzeit mit der Frau!“

Während wir also auf die Polizei warten gehe ich runter ins Erdgeschoß. Martins Stiefmutter sitzt am Kopf einer riesigen Tafel und frühstückt. Von silbernen Tellern! Ich habe das bisher immer nur im Fernsehen gesehen. Als sie mich wahrnimmt blickt sie nur kurz auf, um sich danach sofort wieder ihrer Mahlzeit zuzuwenden.

„Ich muß Ihnen eine traurige Nachricht geben: ihr Stiefsohn ist tot!“ sage ich mit kloßiger Stimme.

Die Dame blickt ungerührt zu mir, nickt dann und sagt:

„Das habe ich mir schon gedacht!“

Dann frühstückt sie weiter, so, als wäre nichts geschehen.

„Haben Sie einen Schuß gehört?“ frage ich.

„Junger Mann, was reden Sie da? Bitte lassen Sie mich in Ruhe frühstücken und erledigen Sie Ihre Arbeit anstatt solchen Unsinn zu verbreiten!“

Ohne noch ein Wort zu sagen verlasse ich die eiskalte Frau.

Als die Polizei eintrifft gebe ich den Beamten eine kurze Übergabe. Eine eingehende Leichenschau durch mich ist nicht verlangt, da Martins Leichnam zur Rechtsmedizin überführt wird.

Jan und ich sind erleichtert, als wir endlich das bedrückende „Haus Erika“ verlassen können.

Unterwegs im Auto fragt mich Jan:

„Was für dunkle Geheimnisse verbergen sich wohl noch hinter den Mauern dieser Villa?“

Mir läuft es kalt über den Rücken…


Nachtrag

Die Ermittlungen der Kriminalpolizei am Leichenfundort ergaben, daß sich Martin in der Tat selbst erschossen hat. Und zwar mit einem Kleinkalibergewehr (Kaliber .22 lfb). Das Spurenbild an der Waffe konnte eine Beteiligung durch Dritte ausschliessen.

Die Einschußwunde wurde von den Rechtsmedizinern zwischen Adamsapfel und Kinnspitze gefunden. Uns blieb die kleine Wunde im völlig zerzausten Bart verborgen. Wohl auch deshalb, weil hier praktisch kein Blut ausgetreten war. Martin hatte sich demnach den Gewehrlauf senkrecht unter das Kinn gehalten und dann abgezogen.

Und das Gewehr? Wieso haben wir die Waffe nicht gesehen? Die Nachforschungen der Polizei ergaben, daß Martins Stiefmutter das Gewehr an sich genommen und versteckt hatte, als sie ihn leblos neben der Waffe in seinem Zimmer liegen sah.

Warum tat sie das? Martins Vater Hans war ein schwerreicher Industrieller. Er verstarb bereits vor vielen Jahren. Erika war dessen zweite, viel jüngere Frau und vormals Hans’ Sekretärin. Martin war das Kind aus Hans’ erster Ehe. Erika konnte das „fremde Kind“ von Anbeginn an nicht leiden. Sie selbst blieb kinderlos und hat Martin im wahrsten Sinne des Wortes stets stiefmütterlich behandelt. Martins Vater konnte sein Kind gegenüber der herrischen Frau an seiner Seite kaum in Schutz zu nehmen.

Als sein Vater starb zog sich Martin immer mehr zurück, fand „seinen Frieden“ vor den immerwährenden Anfeindungen seiner Stiefmutter schließlich in der Dachkammer der Villa, wo er einsam verwahrloste.

Erikas elitärem Freundeskreis blieb Martin deshalb zeitlebens verborgen. Und so sollte auch sein Tod ohne großes „Tamtam“ vonstatten gehen. Gegenüber den Polizeibeamten gab sie später zu Protokoll:

„Ich dachte, das Gewehr muß weg, sonst kriege ich die Polizei ins Haus. Und so ein Aufsehen galt es unbedingt zu vermeiden!“

Warum er sich zu diesem Zeitpunkt das Leben nahm, konnte nicht geklärt werden. Unglücklich war sein Leben sicher schon lange.

Martin fand seine letzte Ruhestätte in einem Grab neben seiner leiblichen Mutter.

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis: Ján Jakub Naništa via unsplash.com