Frühjahr 2004. Irgendwo in Hessen.

Gerd und Hanna sitzen rauchend in der Küche. So wie jeden Abend seit vielen Jahren. Immer gegen 22 Uhr treffen sie sich am Esstisch zur „Gute-Nacht-Zigarette“ und erzählen dabei vom Erlebten des Tages. Die alte Dame sieht heute nicht gut aus. Ganz anders als sonst.

„Mir ist nicht gut. Es ist als würde ich neben mir stehen. Alles hört sich wie durch Watte an. Irgendwas stimmt nicht!“

Hanna ist blass im Gesicht. Unruhig schaukelt sie auf dem Stuhl hin und her und nestelt an ihrer Bluse. Ihr 52-jähriger Sohn macht rasch seine Zigarette aus und verlässt die Küche, um seiner Mutter ein nasses Handtuch aus dem Badezimmer zu holen. Die Stirn kühlen wird seiner Mutter schon helfen. Gerade hat er den Wasserhahn im Bad geöffnet, da hört er einen lauten Schrei.

„Aaaaah!“

So hat seine Mutter noch nie geschrien… Er läuft zurück in die Küche. Hannas Gesicht ist zu einer Grimasse entstellt. Die alte Dame zuckt für wenige Sekunden am ganzen Körper. Dann ist es ruhig, und sie sitzt nur noch still da.

„Mama, was ist los?“

Hanna reagiert nicht.

„So sag doch was!“ fleht er seine Mutter innig an.

Nichts passiert. Hanna rührt sich nicht. Schaut nur mit leerem Blick in Richtung Küchenlampe.

Gerd rennt zum Telefon.

„Wie ist nochmal die Nummer vom Rettungsdienst?“

In Gerds Kopf findet sich kein klarer Gedanke. Da entdeckt er den kleinen Aufkleber auf dem Telefonapparat, den Hanna vor Jahren mal als Zeitungsbeilage erhalten hatte.

„Im medizinischen Notfall 112 anrufen!“ steht da geschrieben.

Mit zittrigen Fingern wählt er die angegebene Nummer.

Wenige Minuten später piept es in meiner Hosentasche…

Alle Ampeln auf unserer Route über die 4-spurige Hauptstraße stehen auf grün, als Frank und ich im signalroten T5 zu Hanna fahren. Die Leitstelle hat uns auf „grüne Welle gesetzt“, also die Ampelschaltung so gesteuert, dass wir ohne Unterbrechung mit forschem Tempo vorankommen. Nach nur sieben Minuten erreichen wir gemeinsam mit dem Rettungswagen die angegebene Adresse.

Gerd nimmt uns unten am Eingang des Einfamilienhauses in Empfang.

„Hallo, wo müssen wir hin?“

„Meine Mutter sitzt in der Küche im ersten Obergeschoss.“

Mit hastigen Schritten gehts die Treppe hoch und dann gleich links in die Küche. Gerd folgt uns.

„Was ist passiert?“ frage ich den Mann und versuche gleichzeitig einen ersten Eindruck der älteren Dame zu gewinnen, die reglos auf dem Stuhl sitzt.

„Meine Mutter fühlte sich nicht gut. Irgendwas würde nicht mit ihr stimmen hat sie noch gesagt. Plötzlich hat sie furchtbar aufgeschrien, anschließend am ganzen Körper gezuckt und seitdem ist sie weg. Ich habe vergeblich versucht sie wach zu rütteln!“

Hanna sitzt angelehnt mit leerem Blick auf einem Küchenstuhl. Ihr Oberkörper ist nach rechts geneigt. Sie scheint uns überhaupt nicht wahrzunehmen.

„Hallo, können Sie mich hören?“

Die alte Dame antwortet mir nicht, woraufhin ich sie anstupse. Auch keine Reaktion. Ich fühle rasch nach ihrem Puls am Handgelenk. Gottseidank! Die Arterie klopft rhythmisch unter meinem tastenden Finger. Auch Hannas Atem geht gleichmäßig.

Von einer Sekunde auf die andere beginnt sich jetzt das Gesicht der alten Frau zu verkrampfen. Der eben noch weiche Gesichtsausdruck der Dame ist nun zur gruseligen Fratze entstellt. Schaumiger Schleim tritt aus Hannas Mund. Dann zittert sie plötzlich am ganzen Körper, was nahtlos in grobe Streckkrämpfe übergeht. Ihr Sohn steht völlig konsterniert daneben. Wie in Schockstarre beobachtet er das Geschehen vor ihm.

„Runter auf den Boden mit der Frau. Dann Verkabeln und Zugang!“

sage ich zu den Jungs vom Rettungsdienst. Gemeinsam legen wir Hanna auf den Fußboden. Der Krampfanfall ist nach kurzer Zeit schon wieder vorüber. Während sich die Sanis um EKG, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Blutzucker und den Tropf kümmern, setze ich meine Untersuchung fort und frage Gerd:

„Sind Krampfanfälle bei ihrer Mutter bekannt?“

„Als Kind hatte sie wohl mal eine Art Epilepsie. In den letzten 40 Jahren war aber nichts mehr!“

Hannas Augen sind nachdem der Krampfanfall vorüber ist wieder geöffnet und ihre Pupillen „normal“, auch deren Reaktion auf meine Taschenlampe. Schnell ziehen sie sich zusammen als der Lichtstrahl auf die Netzhaut fällt. Ich kneife Hanna in die Haut am Hals. Das lässt sie unbeeindruckt. Dann hebe ich ihren rechten Arm wenige Zentimeter hoch und lasse ihn kurz darauf wieder los. Der Arm fällt ungebremst zu Boden. Das gleiche am anderen Arm und den Beinen. Keine Frage: unsere Patientin ist ohne Bewusstsein. Mit offenen Augen! Postiktaler Zustand? Also diese Benommenheit nach einem Krampfanfall?

„Der Blutdruck ist etwas hoch. 180 zu 90. Puls und Sättigung sind in Ordnung!“ sagt Frank in die Runde.

In der Zwischenzeit kleben auch die EKG-Elektroden auf dem Brustkorb der bewusstlosen Dame. Unser Monitor zeigt einen gesunden Rhythmus.

Jens hat sich um den Tropf gekümmert und Andreas bestimmt gerade den Blutzucker. Nach kurzer Zeit steht das Ergebnis auf dem Display des kleinen Apparates: 105. Auch im Normbereich.

„Was hat die Frau bloß?“ frage ich mich im Stillen und fasse in Gedanken nochmal zusammen, was wir bisher wissen: Hanna hatte als Kind wohl epileptische Anfälle. Heute Abend fühlte sie sich nicht gut, hörte wie durch Watte. Dann hat sie gekrampft, zweimal hintereinander am ganzen Körper. Einmal nur in Gegenwart ihres Sohn, einmal als wir bereits hier waren. Kurz zuvor schrie sie laut auf. War das ein „Initialschrei“? Und dann dieses Unwohlsein, die berichtete Hörstörung – war das die „Aura“?


Epilepsie ist eine Erkrankung, die sich im Gehirn abspielt. Zum einen sind Teile der Hirnzellen übererregbar, d.h. die physiologische Erregungsbremse funktioniert nicht richtig. Zum anderen kommt es zu ungeregelten elektrischen Entladung zwischen diesen Nervenzellen. Die Ursachen der Erkrankung sind vielfältig, letztlich aber noch nicht endgültig geklärt.

Häufig kündigt sich ein epileptischer Anfall durch eine sogenannte „Aura“ an. Die Patienten spüren eine innere Unruhe, nehmen ihre Umgebung anders als normal wahr und können über unspezifische Symptome klagen, wie z.B. Bauchschmerzen. Am Anfang der Verkrampfung der Muskulatur wird plötzlich die im Brustkorb befindliche Luft herausgepresst, was sich mitunter wie ein Schrei anhören kann, der sogenannte „Initialschrei“. Nach Abklingen des Krampfanfalles verfallen die Patienten in einen unterschiedlich ausgeprägten Dämmerzustand, die „postiktale Phase“.


Unter Berücksichtigung der gemessenen Kreislaufwerte, die bis auf den etwas erhöhten Blutdruck alle unauffällig waren, entscheide ich mich zur Arbeitsdiagnose „Krampfleiden unklarer Ursache“.

Da der epileptische Anfall vorüber und Hannas Kreislauf stabil ist, wir also im Moment nichts weiter für die Seniorin tun müssen, bitte ich die Sanis unsere Patientin für den Transport in eine neurologische Klinik vorzubereiten. Die Jungs packen unsere Sachen zusammen und legen die alte Dame auf das Tragetuch, während ich Gerd über meinen Verdacht informiere. Dann bringen wir Hanna in den Rettungswagen. Ich hake den Einsatz in Gedanken schon ab.

„Alles in Ordnung. Wir können losfahren.“

Dann plötzlich überschlagen sich die Ereignisse! Gar nichts ist in Ordnung!

Gerade als ich mich hingesetzt habe und beginne das Einsatzprotokoll zu schreiben, schlägt der Überwachungsmonitor mit lautem Piepen Alarm. Ein kurzer Blick auf das Display. Die automatische Blutdruckmessung hat sich gemeldet: 300 zu 140! Viel zu hoch. Diesen Wert habe ich noch nie gesehen. Wieso das auf einmal?

„Ebrantil!“ sage ich zu Andreas und ergänze „Schnell wäre nicht schlimm!“. Dann quittiere ich den Alarm am Gerät und das durchdringende Piepen hört auf. Der Sani hat prompt die Dringlichkeit erkannt, reißt den Rucksack förmlich auf und nimmt sich eine Ampulle des blutdrucksenkenden Medikamentes. Dann macht er die Spritze fertig. Es piept erneut. Sauerstoffsättigung im Blut nur noch 89%. Hanna hat aufgehört zu atmen.

Was ist hier los? Ich habe Angst die Kontrolle über die Situation zu verlieren.

„Beatmungsbeutel! Und Intubation vorbereiten!“

Wirre Gedanken rasen durch meinen Kopf. Epilepsie? Oder doch ein Schlaganfall? Von Lähmungen war keine Rede. Eine Hirnblutung? Die Pupillen der Dame waren komplett unauffällig.

Frank gibt mir den Beutel, dann beginne ich sofort mit der Beatmung von Hand. Nachdem ich drei-, viermal Luft in Hannas Lungen gepumpt habe, steigt der Sauerstoffgehalt langsam wieder an, ist nun bei 91%. Jetzt ist kurz Zeit und ich überprüfe ein weiteres mal die Pupillen der alten Dame. Das Schwarze in Hannas rechtem Auge ist auf einmal doppelt so groß wie auf der linken Seite!

„Hirnblutung! Noch rasch intubieren und dann ruck-zuck in die Neurochirurgie!“


Das Gehirn wird vom knöchernen Schädel umgeben. Falls es in dieser Höhle zu einer Blutung kommt, steigt unweigerlich der Druck im Innern, da sich der Schädel, anders als z.B. ein Luftballon, nicht ausdehnen kann. Das Hämatom drückt auf die empfindlichen Nervenzellen des Gehirnes. Je nach Ausmass und Lokalisation der betroffenen Hirnregionen resultieren dann schwere Schäden bis zum Tod durch Lähmung des Atemzentrums. Ein Blutung im Innern des Kopfes ist also meist fatal. Schäden können durch rasche neurochirurgische Entlastung des Hirndruckes evtl. eingedämmt werden. 


Das Ebrantil ist bereit. Ich bitte Andreas 10 Milligramm davon zu spritzen. Gleichzeitig versuche ich Hanna den Beatmungsschlauch ohne eine medikamentöse Narkoseeinleitung in die Luftröhre zu schieben. Das klappt zum Glück gleich beim ersten Versuch. Die Patientin wehrt sich nicht. Danach hängen wir Hanna sofort an unser Beatmungsgerät.

„Auf gehts. Mit Alarm in die Klinik. Und ruf vorher dort an!“

Auf dem etwa 30 minütigen Transport versuchen wir weiterhin Hannas Blutdruck zu senken. Die ersten 10 Milligramm haben gar nichts bewirkt. In kurzen Abständen spritze ich das Medikament immer wieder. Am Blutdruck ändert sich jedoch kaum etwas. Als wir im Schockraum des Krankenhauses ankommen zeigt unser Monitor 280 zu 120.

Nach einer kurzen Übergabe an die Kollegen in der Klinik wird Hanna sofort zum Schädel-CT gefahren. Die Röntgen-Schichtuntersuchung deckt eine Hirnblutung auf. Noch in der gleichen Nacht wird sie operiert.

espresso

PS: Am nächsten Tag habe ich mich nach Hanna erkundigt. Der behandelnde Neurochirurg berichtete mir, dass ein riesiges, in der Nähe des Hirnstamm gelegenes Hämatom ausgeräumt wurde. Hanna liegt beatmet im Koma auf der Intensivstation. Die erste Nacht hat sie überstanden. Ihre Situation schätzt der Arzt dennoch trotz OP und allen Möglichkeiten der Intensivmedizin als äußerst kritisch ein. Hannas Überlebenswahrscheinlich erachtet er als nur sehr gering.

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis: Philipp Lublasser via unsplash.com