Schweiz 2009. Ein nass-kalter, neblig-trüber Herbstmorgen.

Frank fällt es heute schwer aufzustehen. Wie zuletzt immer, wenn um 7 Uhr morgens sein Wecker klingelt. Aber heute geht vorerst gar nichts. Er will die Welt nicht sehen, kann seine Umwelt nicht ertragen.

Gegen 9 Uhr steht er dann doch auf. Ganz mühselig, ganz langsam. Er hat einen Plan gefasst. Von dem wird er jetzt nicht mehr abweichen. Zum Anziehen fehlt ihm fast die Energie, mit letzter Kraft schafft er es in seinen Jogginganzug. Ohne Morgentoilette macht er sich nun in Hausschuhen auf den bekannten Weg, den er in seinem Leben schon so oft gegangen ist…

Frank ist 34. Mit Frauen hat es in seinem Leben nie richtig geklappt. Klar, er war mal verliebt, hatte mit 21 eine Freundin. Gabi, gleicher Jahrgang, aus der Nachbarklasse. Eine kurze Liaison im Sommer 1996. Das war es aber auch.

Franks echte Liebe gilt einzig Dampflokomotiven. Nicht kleinspurig, groß müssen sie sein. Riesig. Opa Franz hatte ihn mal in den früher 80er Jahren mit ins Eisenbahnmuseum genommen. Seit dem Tag fesselte ihn alles an den schwarz-roten Dampfrössern. Der Geruch, der Qualm, das Zischen, die mondäne Technik.

Der Eisenbahn-Verein oben auf dem Areal des ehemaligen Bahnhofes, wenige hundert Meter vom Elternhaus entfernt, ist nach der Schlosser-Lehre zu seinem Lebensmittelpunkt geworden. Gemeinsam mit anderen hat er ausrangierte Dampflokomotiven restauriert. Manchmal im Sommer gings sogar auf Ausfahrt. Frank war dann „Erster Heizer“. Jede freie Minute hat er hier verbracht, viele tausend Stunden in der Werkhalle an den alten Schätzchen geschweißt, geschraubt und gefettet.

Nach getaner Arbeit dann Bier für alle. „Heizen macht Durst!“ sagten die Vereinsfreunde. Frank ging deshalb immer zu Fuß zum Vereinsgelände. Ein kurzer Weg, keine 600 Meter. Einfach die kleine Straße hoch, dann über die „Schäferbrücke“, die die Kantonsstraße überquert und schon war er da. Manchmal hat Frank von der Brücke aus die vorbeifahrenden Autos beobachtet.

Jetzt geht er diesen Weg zum letzten mal.

10.20 Uhr. Mein Alarmmelder piept.

„Verkehrsunfall Kantonsstraße 73, Höhe Saanen, eine verletzte Person“

Schnell die Jacke an und runter zur Fahrzeughalle. Jens wartet schon im Passat. Mit Blaulicht gehts bei Nieselregen hoch auf den nahgelegenen Pass, vorbei an einzelnen Gehöften und herbst-tristem Weideland.

Über Funk erfahren wir, daß jemand von der „Schäferbrücke“ gesprungen ist. Näheres ist noch nicht bekannt.

Heute morgen ist kaum Verkehr, so dass wir zügig die Passhöhe erreichen. Dann geht es wieder die Serpentinen bergab. Nach 17 Minuten kommen wir auf ein Stauende zu. Warnblinklichter, aufgeregte Passanten stehen vor ihren Autos.

„Hier wirds wohl gleich sein!“ sagt Jens und hält mit dem Passat auf dem Seitenstreifen. Wir steigen aus, nehmen unsere Ausrüstung und laufen an den wartenden PKWs vorbei in Richtung Stauanfang, wo die Polizei die Straße abgesperrt hat. Der Streifenwagen-KaPo begrüßt uns als wir an ihm vorbeigehen. Dann sagt er noch:

„Sieht nicht schön aus! LKW-Kollision!“.

Er sollte Recht haben.

Jens und ich müssen noch etwa 50 Meter laufen, dann sind wir genau da, wo die „Schäferbrücke“ die Kantonsstraße überquert. Wenige Meter nach der Überführung liegt ein Mann im klitschnassen Jogginganzug auf dem Asphalt. Neben ihm stehen der Sani vom Rettungswagen und ein Polizist. Der Retter schaut mich ernst an und schüttelt den Kopf.

Frank liegt auf dem Bauch. Er regt sich nicht. Sein Kopf liegt in einer Blutlache. Eigentlich nicht sein „Kopf“, sondern nur noch das, was davon übrig geblieben ist. Franks Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Sein Schädel ist zerquetscht, Hirn tritt aus der Kopfhöhle, liegt teilweise breit gefahren neben ihm. Unvergessliche Bilder des Grauens.

Wir können dem Unfallopfer nicht helfen. Diese Verletzung ist nicht zu überleben. Frank ist tot.

„Was ist passiert?“ wende ich mich bedrückt an den KaPo.

„Der Mann ist wohl von der Brücke gesprungen. Acht Meter in die Tiefe. Genau vor einen LKW. Der Fahrer konnte nicht mehr bremsen oder ausweichen. Ist voll über die Person…“

Dem Polizist versagt die Sprache.

„Wo ist der LKW-Fahrer jetzt?“

„Bei uns im Rettungswagen. Mein Kollege ist bei ihm.“

Jens und ich gehen zum RTW. Im Innern sitzt der völlig aufgelöste Fahrer. Ein einziges Häufchen Elend.

„Ich wollte das nicht. Bitte glauben Sie mir. Ging alles so schnell. Auf einmal dieser dunkle Schatten vor meinen Augen. Direkt vorm Laster. Keine Chance zu reagieren.“

Jetzt steht dieser Bär von einem Mann auf und fällt Jens, der direkt neben ihm steht, wie ein kleines Kind in die Arme. Und heult Rotz und Wasser.

„Möchten Sie etwas zur Beruhigung?“ frage ich ihn mit Kloß im Hals nach einigen Minuten, in denen er sich in Jens’ Armen wieder etwas gefangen hat. Er nickt.

Dann gebe ich ihm die kleine gelbe Tablette, die ich jetzt am liebsten selbst gerne schlucken möchte…

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PS: Wir haben den LKW-Fahrer später in die weitere Obhut vom Notfall-Seelsorge-Team gegeben. Alle eingesetzten Rettungskräfte haben an einer mehrtägigen Krisenintervention zur Verarbeitung des Erlebten teilgenommen.

PPS: Die von uns hinzugezogene Kripo rekonstruierte detailliert Franks Tagesablauf bis zu dessen tragischem Tod. Einen Abschiedsbrief hat Frank nicht hinterlassen.

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis: Rainer Taepper via unsplash.com