Vorwort

Diese Geschichte ist ein tolles Beispiel für „Schwarm-Intelligenz“ innerhalb eines Rettungsteams. Alleine habe ich auf dem Schlauch gestanden!

Rettungsmedizin ist Teamarbeit!


Berner Oberland 2009. Ein ruhiger Frühlingstag geht in den Schweizer Alpen zu Ende. Stefan liegt schon im Bett. Daniel, Sonja und ich sitzen noch vor dem Fernseher – der Sonntagskrimi erreicht gerade seinen Spannungshöhepunkt.

Da piept es!

„Bewusstlose Person, männlich, 15, Casa Montana“

„Casa Montana, wo ist das denn?“ frage ich in die Runde.

„Die Asylbewerberunterkunft oben auf dem Pass“ antwortet mir Daniel.

Ich schnappe meine Jacke und gehe zum Notarztauto. Einige Minuten später sitzt Stefan mit schlaf-knitterigem Gesicht neben mir auf dem Fahrersitz.

Mit Blaulicht geht es hinaus aus der kleinen Stadt und dann die Serpentinen hoch in die Berge bis auf 1900 Meter. Wir benötigen etwa 18 Minuten bis wir die kleine Siedlung auf der Passhöhe erreichen. Vor einem alten Backsteinhaus stehen viele junge Männer, die uns aufgeregt zuwinken. Ich nehme rasch die Medikamententasche und gehe zum Hauseingang, wo mich ein kräftiger, grauhaariger Mann empfängt, der sich als Heimleiter „Herr Lüthi“ vorstellt.

„Bitte folgen Sie mir. Oben im Zimmer ist ein 15-jähriger zusammengebrochen!“

Wir gehen gemeinsam samt dem riesigen „Empfangskomitee“ eine steile Treppe hoch. Der Heimleiter erzählt mir mit hastigen Worten, daß der Junge bisher immer kerngesund war.

Im ganzen Obergeschoss riecht es nach einer Mischung aus orientalischen Gewürzen und Apfel. Vor einem Zimmer in der Mitte des Flures bleibt der Heimleiter dann stehen.

„Erschrecken Sie nicht. Das Zimmer ist sehr voll!“

Er öffnet die Tür und hat wirklich nicht übertrieben. In dem winzigen, spärlich beleuchteten Zimmer stehen mindestens weitere 20 Männer. Rappelvoll. Kein Reinkommen. Stefan versucht uns einen Weg zu Bahnen, scheitert aber nach nur zwei Schritten. Da hilft uns der Heimleiter. Mit kurzem, aber heftigem Gebrüll räumt er den Raum bis auf zwei Männer mit verheulten Gesichtern, die neben dem Jugendlichen knien, der in der Mitte des Zimmers liegt.

„Alle Achtung. Der hat seinen Laden aber im Griff!“ raune ich Stefan zu und knie mich ebenfalls neben den Jungen.

Der erste Check: Osman hat die Augen geschlossen. Der Jugendliche atmet regelmäßig. Sein Puls am Handgelenk geht schnell, ist aber gut tastbar. Ich stupse ihn an.

„Hallo! Guten Tag! Kannste mich hören?“

Osman antwortet nicht. Ich stoße ihn nochmal an.

„Hallo!!!“

Jetzt nuschelt er mir irgendwas entgegen, aus dem ich jedoch nicht schlauer werde. Ich blicke zu Stefan. Er hat Osman auch nicht verstanden und zuckt nur mit den Schultern. Dann beginnt er unmittelbar gemeinsam mit Daniel mit der „Verkabelung“ des jungen Mannes: Blutdruck, EKG und Sauerstoffgehalt im Blut. Gleichzeitig legt Sonja Osman einen Tropf.

Ich frage die beiden schwarzhaarigen Männer, was denn passiert ist. Der Ältere der beiden antwortet wild gestikulierend in unverständlichem, gebrochenem Schweizerdeutsch.

„Auch keine Hilfe!“ denke ich.

Dann endlich in dem ganzen Kauderwelsch ein einziges verständliches Wort.

„Shisha“

„Was hat er mit der Wasserpfeife geraucht? Tabak? Auch Haschisch? Irgendwelche anderen Drogen?“

Der Mann schüttelt den Kopf. Er versteht mich offenbar besser als ich ihn.

„Ganz sicher nur Tabak?“ will ich mich nochmal vergewissern.

Der Ältere nickt. Ich bitte den Heimleiter die anderen Bewohner der Asyleinrichtung jetzt rasch zum Geschehenen zu befragen. Herr Lüthi unterstützt uns sofort und geht hinaus zu den anderen.

Der Überwachungsmonitor zeigt Osmans Kreislaufwerte: Blutdruck 100 zu 50, Puls 130, Sauerstoffsättigung 96%. Sonja hat auch schon den Blutzucker gemessen. 105. Der Puls ist etwas zu schnell, aber sonst ist alles in Ordnung. Kein Grund für Benommenheit!

„Gib mir mal die Untersuchungslampe!“ bitte ich Stefan. Mit zwei Fingern öffne ich Osmans Augen. Seine Pupillen verengen sich träge auf den einfallenden Lichtschein. Die Bindehäute sind gerötet. Dann überprüfe ich noch schnell Osmans Reflexe und schaue nach Anzeichen für eine Hirnhautentzündung. Alles unauffällig!

Zwischenzeitlich kommt der Heimleiter zurück.

„Der Junge hat sich in der Shisha-Runde plötzlich unwohl gefühlt und ihm war schwindelig. Dann hat er nur noch wirres Zeug geredet und kurze Zeit später wohl auch starke Kopfschmerzen bekommen, bevor er wegdämmerte!“

Mir fällt zu Osmans Zustand nichts ein. Kreislaufwerte und Zucker soweit in Ordnung. Keine schweren Vorerkrankungen, angeblich keine Drogen.

„Wir kommen hier nicht weiter. Osmans Kreislauf ist stabil, dringenden Handlungsbedarf gibts erstmal nicht. Ich weiß nicht was der Junge hat. In der Klinik werden sie den Fall lösen!“ sage ich zu den Sanis und weiter „Ich vermute trotz der Angaben des älteren Mannes irgendeine Drogengeschichte. Bereitet bitte den Transport vor!“.

Ich habe es kaum ausgesprochen, da unterbricht mich Stefan.

„Wartet nochmal kurz. Ich komme gleich wieder!“

Verdutzt schauen Daniel, Sonja und ich uns an. Zwei Minuten später kommt Stefan zurück. In der Hand trägt er einen kleinen, roten Apparat.

„Ist doch eine schöne Gelegenheit mal unser Kohlenmonoxid-Messgerät auszuprobieren!“ sagt er und freut sich. Ich kann Stefan nicht folgen und blicke ihn verwundert an.


Kohlenmonoxid (chem. Formel „CO“) ist ein geruchsloses Gas, das bei unvollständigen Verbrennungen entsteht. Es hat eine viel höhere Bindungsfreudigkeit an das eigentlich im Blut Sauerstoff transportierende Hämoglobin (Abkürzung: Hb).

Beim Einatmen von Kohlenmonoxid werden sozusagen die „Sauerstoff-Taxis“ mit sich vordrängelnden „Kohlenmonoxid-Gästen“ besetzt. Die Folge ist Sauerstoffmangel im ganzen Körper.


Stefan montiert den Sensor an Osmans Zeigefinger. Gebannt schauen wir auf das Gerät. Nach etwa 30 Sekunden piept und blinkt der kleine Kasten wie verrückt.

„COHb-Konzentration 22%“ steht auf dem Display.


Bei Osman ist also mehr als ein Fünftel seines Hämoglobins von Kohlenmonoxid besetzt und steht damit nicht zum Sauerstofftransport zur Verfügung. Normal sind Werte bis 1,5% (bei Rauchern auch bis 10%). Die körperlichen Folgen werden schwerwiegender je höher die Konzentration steigt: zunächst Übelkeit, Verwirrtheit, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Dann folgen Herzrhythmusstörungen, Kurzatmigkeit und Bewusstlosigkeit. Ab etwa 70% COHb tritt der Tod ein.

Die Therapie besteht einerseits in der sofortigen, hochdosierten Gabe von reinem Sauerstoff. Bei schwereren CO-Vergiftungen werden die Patienten in einer Überdruckkammer (Taucherkammer) mit reinem Sauerstoff beatmet. Der Überdruck hilft das CO von den Bindungsstellen am Hämoglobin zu Gunsten von Sauerstoff zu verdrängen, schmeißt das CO sozusagen aus dem Taxi und macht die Plätze wieder frei.

Anzumerken bleibt, dass Patienten, die einer schwere CO-Vergiftung nicht erlegen sind, unter lebenslangen Folgen leiden müssen: Gedächtnisstörungen, Nervenschäden, Persönlichkeitsveränderungen u.a.


Stefans Idee hat den „Fall“ gelöst: Osman hat eine Kohlenmonoxid-Vergiftung. Dazu passt alles!

„Sauerstoffmaske. 15 Liter pro Minute. Und dann ab in die Klinik!“

Während der knapp einstündigen Fahrt Richtung Uni-Spital klart Osman unter der Sauerstoffmaske langsam auf. Als wir in der Notaufnahme ankommen zeigt der „rote Wunderapparat“ noch eine COHb-Konzentration von 16%.

granny-smith-apfel

PS: Und was hat das alles mit „An apple a day“ zu tun? Herr Lüthi erzählte mir einige Tage später, dass Osman zusammen mit anderen in einem kleinen Zimmer über mehrere Stunden (!) grosse Mengen Tabak mit Apfelaroma vermittels Shisha geraucht hatte. Daher roch das ganze Obergeschoss nach Apfel.

Neben dem Tabakrauch wird allerdings auch Kohlenmonoxid durch die Wasserpfeife eingeatmet. Es entsteht beim Verbrennen der Kohle in der Shisha. Elektrische Shisha-Köpfe produzieren hingegen kein CO. Mehr über Shishas gibts hier.

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Lektorat: T. Kehler

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