Heiligabend 2013. Früher Abend kurz nach Sieben. Überall läuten die Kirchturmglocken, bei uns piept es. „Verbrennung, 2 Jahre“. Ungläubig schauen die Sanis und ich auf den Pieper. Horror!

In Windeseile ab ins Auto und dann volle Fahrt mit Blaulicht und Martinshorn durch die Kleinstadt. Zum Glück wenig Verkehr, die meisten Menschen lassen sich gerade unterm Weihnachtsbaum bescheren oder sitzen an festlich gedeckten Tischen und essen Würstchen mit Kartoffelsalat, Karpfen blau oder Raclette, je nach dem, wie es die Familientradition verlangt…

Nach nur fünf Minuten sind wir in der Hauptstrasse Nummer 28 angekommen.

Als wir auf den Parkplatz vor der Garage fahren kommt uns schon eine junge Frau entgegen. „Unser Kind ist total verschmort, schnell, kommen Sie!“ bricht es mit schluchzender Stimme aus ihr heraus und schon rennt sie zurück ins Haus. „Bring du die Medi-Tasche mit“ sage ich noch schnell zu Mike und laufe der Frau sofort hinterher. Ich habe dennoch Mühe ihr zu folgen.

Bereits auf dem Flur höre ich das herzzerreissende Geschrei eines Kleinkindes. „Aaaaah“, „Aaaaah“. Gänsehaut!

Als ich in das Wohnzimmer komme sehe ich die kleine Klara auf den Armen ihres Vaters, der auf dem Sofa neben dem geschmückten Tannenbaum sitzt. Sie windet sich hin und her. Die Grosseltern kümmern sich um die Geschwister.

Auf dem Fussboden vor dem Esstisch liegt ein Fondue-Topf und drum herum ist eine grosse Pfütze.

„Was ist denn passiert?“

„Wir wollten gerade mit dem Fondue anfangen, da hat Klara aus Versehen den Topf mit dem heissen Öl vom Tisch…“. Die Stimme der Mutter erstickt unter Tränen.

Zwischenzeitlich ist auch Mike da und mit ihm die zwei Sanis vom Rettungswagen. Ich gehe zum Vater und bitte ihn mit Klara von der düsteren „Weihnachtsbaum-Ecke“ mit in den hellen und geräumigen Flur zu kommen. Und jetzt erst im Licht erkenne ich das ganze Unglück: Klara rechte Gesichtshälfte ist eine einzige grosse Brandblase, das rechte Auge ist zugeschwollen. Ihr fehlen die Haare an der rechten Kopfhälfte. Auf ihrer rechten Hand ist auch eine grosse Brandblase. Sie schreit ohne Unterlass. Ich nehme sie dem Vater vorsichtig aus dem Arm. „Schnell, kaltes Wasser, wo ist das Badezimmer?“ Der Vater geht voraus. „Machen Sie die Dusche an, kalt, und ziehen Sie ihre Tochter aus“ bitte ich den konsternierten Vater. Ich muss sehen wie stark und wie ausgedehnt die Verbrennungen sind. Andererseits will ich Klaras Verbrennungen unter der Dusche kühlen. Ich halte das kleine Mädchen unter die Brause, der Vater zieht sie dabei aus. Jetzt sehen wir, dass sich die Verbrennung über den gesamten rechten Arm, die rechte Schulter, den Brustkorb und den Bauch bis zu beiden Oberschenkeln ausdehnt! Knapp 50% der Körperoberfläche sind betroffen – absolute Lebensgefahr! .

„Wie schwer ist ihre Tochter?“

„Knapp 15 Kilogramm“ antwort die Mutter.

„Dormicum und Ketanest nasal! Dann Bohrmaschine, Narkose, Intubation“ Mike nickt mir zu und macht sich dran die beiden Medikamente in Spritzen aufzuziehen. Die RTW-Sanis wissen auch was zu tun ist: behende richten sie alles, was wir gleich benötigen, um das Kind in ein künstliches Koma zu legen.

Als Mike soweit ist und mir die Spritzen anreicht hören wir mit dem Abkühlen unter der Dusche auf. Zurück im Flur setze ich die Spritze mit dem Sprühaufsatz auf das kleine Nasenloch, Mike hält den Kopf des Kindes fest. Klara bekommt das Schlafmittel und das Schmerzmedikament wie ein Nasenspray von mir verabreicht. Sie schreit nun noch lauter, da natürlich auch immer etwas von den bitteren Medikamenten hinten in den Rachen gelangt. Nach 2-3 Minuten hört Klara auf zu schreien. Sie ist jetzt in einer Art Halbschlaf. Die Nasenschleimhaut hat die Medikamente gut in den Körper aufgenommen.

„Verbrennungsbett und Hubschrauber klarmachen“ sage ich zu den Sanis „und bring die Spezialfolie mit“.

Ich habe keine Zeit lange nach einer geeigneten Ader bei diesem kleinen Kind zu suchen, nochzumal bei den ausgedehnten Verbrennungen. Klara braucht dringend eine Infusion und so entscheide ich mich für eine schnelle andere Möglichkeit: den Tropf in den Schienbein-Knochen der Patientin setzen. Nach kurzer Desinfektion der Haut bohre ich die Kanüle mit der kleinen Bohrmaschine in Klaras Schienbeinkopf. Rasch das Ganze fixieren, dann Probespritze, läuft gut, Verband drum, Tropf anschliessen, fertig.

„Das Bett wäre in Ludwigshafen. Einen Hubschrauber können sie aber nicht schicken, zu dunkel und zu stürmisch“ sagt mir der Sani. Scheisse! Mit dem Auto dauert das ewig.

Die Jungs verkabeln das Kleinkind an unseren Überwachungsmonitor. Danach wickeln wir Klara komplett in die Verbrennungsfolie ein – die deckt zum einen die Wunden steril ab, andererseits hält sie unsere Patientin warm. Von all dem kriegt die Kleine dank der „Nasen-Medikamente“ nichts mit. Mike gibt mir die Sauerstoffmaske, die ich Klara dann komplett um Mund und Nase lege. Drei, vier Minuten reiner Sauerstoff. Anschliessend sage ich Mike, dass er die Narkosemittel spritzen soll. Als die alle durch den Tropf im Schienbein-Knochen sind warten wir noch eine Minute bis sie sich von dort aus im ganzen Körper verteilt haben. Kleiner Test: Klaras Lider zucken nicht mehr, als ich sie mit der Fingerspitze berühre. Sie schläft tief und fest. Zum Schluss noch den winzigen Beatmungsschlauch in Klaras Luftröhre. Von nun an übernimmt die Maschine die Beatmung.

Mike nimmt unsere kleine Patientin auf den Arm und bringt sie in den Rettungswagen. Wir fahren trotz Blaulicht eine gute Stunde bis wir das schwer verletzte Kind den Verbrennungsexperten übergeben können.

brandblase

PS: Klara hat den Unfall überlebt. Nach unzähligen Operationen wird sie im Sommer 2014 aus der Klinik entlassen.

PPS: Fondue gibts nicht mehr an Heiligabend.

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Lektorat: T. Kehler