Sommer 2016.

Dienstag.

22 Uhr: Wir sitzen nach diesem Sommertag noch am Grill bei Freunden im Garten, als mein Handy plötzlich durchdreht. Es piept und piept und piept. Eine Email und eine SMS beinahe zeitgleich. Beide Nachrichten sind vom selben Absender: „Notarztbörse“.

„Wir suchen kurzfristig zur Unterstützung eines Polizeieinsatzes einen Notarzt. Einsatzbeginn morgenfrüh 5 Uhr.“

Das fehlt mir noch in meinem Erfahrungsschatz!

Schnell rufe ich bei der angegebenen Nummer zurück. Der Job ist noch nicht vergeben, so daß er mir zugeteilt wird. Ich soll gleich Thomas, den Verantwortlichen des Einsatzes anrufen.

„Guten Abend. Ich bin Ihr Notarzt für morgenfrüh. Worum handelt es sich denn?“

„Schön, daß Sie sich melden. Um was es genau geht kann ich Ihnen nicht sagen. Nur soviel: ein SEK-Einsatz!“

Mein Herz schlägt von einer Sekunde zur nächsten bis zum Hals.

„Ich muss morgenfrüh doch arbeiten. Hat sich eben noch ein Job ergeben!“ sage ich zu TT und versuche meine Stimme betont ruhig zu halten.

„Ja? Was denn?“

„Ich fahre nach Hann. Münden. Irgendwas mit der Polizei.“

Und schon vorab als Entschuldigung: „Is super bezahlt, weil es so kurzfristig ist! Und maximal fünf Stunden“

„Bist Du irre? Ist sicher gefährlich!“

„Nein, nein. Ein normaler Einsatz. Der Rettungsdienst ist ohnehin immer auf sicherem Terrain!“

TT schüttelt den Kopf, so als wollte sie mir sagen: „Du hast sie nicht alle!“

Um elf verabschieden wir uns und fahren nachhause. Schnell Zähne putzen und ab ins Bett, rasch schlafen. Um 3.30 Uhr ist die Nacht schon wieder zu Ende.

23.50 Uhr: Booh, ich kann nicht einschlafen. Wälze mich von links nach rechts und von rechts nach links. Mir ist zu warm, mir ist zu kalt. Decke weg, Decke wieder her. Meine Gedanken kreisen und meine Phantasie kennt heute scheinbar gar keine Grenzen. SEK. Schwarzgekleidete Männer. Geschrei. Blendgranaten. Schießereien. Terror. Waffenschieber. Menschenhandel. Ich finde nicht in den Schlaf…

Mittwoch.

2.50 Uhr: Ich habe bis jetzt nicht geschlafen. Weitere Einschlafversuche sind aussichtslos.  Also stehe ich leise auf. Schnell einen Kaffee, dann duschen, anziehen und los. 100 Kilometer Autobahn.

04.30 Uhr: Ich bin viel zu früh am verabredeten Treffpunkt, obwohl ich bewusst mit nur 80 über die A7 geschlichen bin.

Warten, warten, warten. Die Zeit ist zäh wie Kaugummi.

04.55 Uhr: Ein Rettungswagen rumpelt auf den Parkplatz.

„Moin. Das klappt ja. Ich bin Thomas, Rettungsdienstleiter. Wir fahren jetzt zusammen zur Polizeidirektion. Da treffen wir das Einsatzkommando, und dann gehts gemeinsam los.“

Einen knappen Kilometer fahren wir durch die Stadt.

05.00 Uhr: Wir biegen auf das Gelände der Polizei ein. Durch einen Torbogen gelangen wir zum Innenhof. Kaum angekommen sagt mir Thomas, dass er jetzt kurz zur Lagebesprechung geht, ich solle hier am Rettungswagen warten.

Auf dem Hof ist die Anspannung spürbar. Drei schwarze Mercedes Sprinter mit getönten Scheiben parken auf der anderen Seite des Hofes. An den Autos stehen ungefähr zehn Männer, groß wie Kleiderschränke, in komplett schwarzer Kampfausrüstung. Offenbar sind sie dabei sich für den Einsatz parat zu machen: dunkle Sturmhaube, Helm mit schusssicherem Visier und Funkausstattung, schwarze Schienbeinschützer, schusshemmende Weste, Schutzschild, Maschinenpistole oder Pumpgun. Dazu laden sich einige der Männer Spezialwerkzeug auf den Rücken. Einer trägt einen Rammbock, um Türen zu öffnen. Ein anderer lädt sich einen Erste-Hilfe-Rucksack auf. Die anderen Männer beladen sich mit Equipment, das ich nicht identifizieren kann.

05.30 Uhr: Thomas kommt zurück von der Besprechung.

„Um viertel vor sechs fahren wir los. Um sechs soll der Zugriff erfolgen!“

Ich mach mir gleich in die Hose…

05.40 Uhr: Kurz vor der geplanten Abfahrt geht eine kleine Frau in Jeans und Lederjacke und Schussweste zu den schwarzen Männer und spricht mit ihnen. Ich stehe zu weit weg, um irgendwas zu verstehen.

„Wer ist die Frau?“ frage ich Thomas.

„Das ist die Einsatzleiterin!“ antwortet er mir. Dann setzt sich Thomas in den Rettungswagen. Ich folge ihm.

05.45 Uhr: Die schwarzen Männer steigen in die Kleinbusse. Die Motoren starten. Dann fährt der erste Bus los, die beiden anderen folgen. Wir reihen uns als letzte in die Schlange ein.

Mein Herz klopft in der Brust. Was erwartet mich gleich?

„Weißt Du jetzt worum es geht?“ frage ich Thomas.

„Nix konkretes. Nur soviel: ein Mann soll verhaftet werden! Aber in unserer Stadt – so nah an der Autobahn – geht es meist um Waffen- oder Drogengeschäfte.“

Thomas´ Antwort sorgt bei mir nicht für Beruhigung.

Wir fahren knapp fünf Minuten durch die Stadt, dann hält Thomas an einer Tankstelle an, während die schwarzen Männer unvermindert weiter fahren. Ich schaue ihnen nach. Hundert Meter weiter biegen sie rechts ab.

„Hier ist unser Verfügungsraum. Näher ran dürfen wir nicht. An der Front ist nur das SEK. Um sechs gehts los!“

05.50 Uhr: Mit zittrigen Fingern schreibe ich TT schnell eine SMS.

„Alles gut. Bin weit weg vom Geschehen. Melde mich wenn’s vorüber ist!“

In Wahrheit ist nichts gut. Ich bin so aufgeregt wie ein Teenager vor der ersten Tanzstunde. Im Geist überfliege ich nochmal die medizinischen Regeln zur Notfallversorgung von Schusswunden. Nutzt nichts: ich habe trotz der Ablenkung feuchte Hände und mein Puls rast. Thomas spürt meine Nervosität.

„Kein Grund zur Aufregung. Wird alles gut!“

„Ich bin gar nicht so aufgeregt!“ lüge ich den Sani an.

05.59 Uhr: Ich öffne meine Fensterscheibe. Vielleicht kann ich wenigsten etwas hören, von dem, was nur dreihundert Meter entfernt gleich passiert.

06.00 Uhr: Es ist still. Kein Knallen. Kein Geschrei. Nichts. Dennoch: Die Luft ist elektrisiert!

06.02 Uhr: Ich schrecke hoch, als Thomas’ Handy plötzlich klingelt.

„Ja, verstanden, alles klar!“ ist alles was ich vom Telefonat mitkriege.

Dann legt Thomas auf, und ich sehe ihn gespannt an.

„Feierabend. Wir können nachhause fahren. Alles erledigt!“

Ich schaue ihn ungläubig an.

„Wie? Das war alles?“

Thomas nickt und macht den Motor an. Dann bringt er mich zurück zu meinem Auto.

„Hab ich doch gesagt, daß alles gut wird!“ sagt Thomas grinsend zu mir, dann verabschieden wir uns.

08.00 Uhr: Zwei Stunden später liege ich zuhause im Bett.

„Gottseidank gab es ein Fixhonorar und keinen Stundenlohn!“ denke ich gerade noch. Sekunden später schlafe ich ein. Aufregung macht müde…

sek

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis:  Titelfoto – Wikipedia, SEK-Foto – T-Online