Manni ist Forstwirt. Bäume fällen, Bäume pflanzen, Holzmachen und Wegebau im Wald. Diesen Beruf sieht man dem netten 30-jährigen an: zwei Meter groß, 110 Kilo, nur Muskeln. Sein freundliches Gesicht ist wettergegerbt und seine Hände groß wie Klodeckel.

„An drei aufeinanderfolgenden Tagen dreimal Pech haben und jedes mal wird es schlimmer? Das gibt’s nicht!“.

So hätte Manni noch am Sonntag gedacht. Drei Tage später lernen wir uns kennen…


Rückblick – Montag

Manni packt den kleinen, abgewetzten Rucksack, so wie jeden Tag bevor er zur Arbeit fährt. Mehrere Flaschen Wasser, geschmierte Stullen, Äpfel und eine Tafel Schokolade. Dann steigt er in sein Auto. Kaum losgefahren klingelt sein Handy. Er hat es gerade aus seiner Jackentasche geholt, da rutscht es im aus der Hand und landet im Beifahrerfußraum.

„Hmm, könnte der Chef sein!“

Manni zögert macht den Sicherheitsgurt dann aber dennoch ab. Nun beugt er sich zur Beifahrerseite. Gerade als er sein Handy mit den Fingerspitzen erreicht hat kracht es. Manni zuck hoch.

„Verdammt!“

Mannis Auto ist bei seinem Versuch das Handy aufzuheben von der Fahrspur abgekommen und hat ein am Straßenrand parkendes Auto gerammt.


Rückblick – Dienstag

Als Manni um 18 Uhr von der Arbeit kommt hat seine Frau schon den Abendbrottisch gedeckt. Er gibt ihr einen Kuss, wäscht sich schnell die Hände und setzt sich zu Frau und Kindern.

„Papa, wir haben ein leckeres Brot gekauft!“ sagt der 10-jährige Sohn stolz und Mannis Frau ergänzt:

„Bäcker Zippert hat sich was Neues einfallen lassen! Rosi, die Verkäuferin hat es uns empfohlen. Der „Landkracher“. Das Brot ist doppelt gebacken und hat eine besonders knackige Kruste.“

Und in der Tat: als Manni das Brot anschneidet kracht es herrlich und der wunderbare Duft von frischem Brot steigt allen in die Nase.

„Booh, lecker!“ sagt Manni voller Vorfreude.

Nachdem er einige Scheiben abgeschnitten und an seine Familie verteilt hat schmiert sich Manni ein Käsebrot. Dann beißt er genussvoll hinein.

„Knack!“

Ein kurzes, krachendes Geräusch dringt aus Mannis Mund. Dann ist die Hälfte von seinem Schneidezahn abgebrochen und alle am Tisch wissen, woher der Name „Landkracher“ kommt.


Mittwoch

Ich habe gerade erst meinen Dienst übernommen als wir gegen acht Uhr einen Alarm kriegen.

„männlich, 30 Jahre, chirurgisch, Tankstelle, Besigheim“

Nach etwa acht Minuten erreichen Silas und ich zusammen mit den Jungs vom Rettungswagen den genannten Einsatzort, eine kleine Tankstelle an der Hauptstraße. Vor dem Eingang hockt ein großer, blasser Mann in Waldarbeiterkluft in einer großen Blutlache. Er trägt eine signalfarbene Jacke, dazu eine dunkelgrüne Schnittschutzhose und derbe Stiefel. Um seinem linken Unterarm ist notdürftig ein blutdurchtränkter Lappen gewickelt.

„Hat man uns Ihretwegen verständigt?“

„Ja. Ich bin Manni und hatte im Wald einen Unfall.“

„Schaffen Sie die fünf Meter bis zum Rettungswagen zu gehen?“

Manni nickt und steht dann unterstützt von Frank und Heike mit wackeligen Beinen auf. Im Rettungswagen legen wir Manni sofort auf die Trage.

„Was ist Ihnen denn passiert?“

„Ich war allein im Wald und habe gerade einen Baum entastet. Da ist plötzlich die Kette von der laufenden Motorsäge gesprungen und voll in meinen Arm rein. Hat geblutet wie Sau! Hab dann nur flott einen Lappen drumgewickelt, rein ins Auto und bis hierher. Da war mir dann total schummerig.“

„Bitte rasch am rechten Arm den Blutdruck messen und einen Zugang legen. Ich untersuche hier am linken Arm die Wunde!“

Silas hat schon begonnen die Arbeitsjacke aufzutrennen.

„So, jetzt kannst Du weitermachen. Den Lappen schneidest Du ab!“

Silas gibt mir die Schere und ein paar sterile Kompressen.

„Der Blutdruck ist 80 zu 40! Puls 120!“ berichtet Johann, einer der beiden Sanis vom RTW.

Vorsichtig durchschneide ich Zentimeter um Zentimeter des provisorischen Verbandes. Als die letzten Fasern durchtrennt sind sehen wir das ganze Ausmaß der üblen Verletzung:  eine etwa 20 Zentimeter lange Rißwunde, knapp unterhalb des Ellenbogens, einmal fast komplett um den Unterarm herum. Grobe Muskel- und Sehnenfetzen liegen unsortiert im Wundgrund, dazwischen die Enden des dicken Mittelnervs und des Ellennervs. Der gut einen Zentimeter dicke Ellenknochen ist komplett durchtrennt, größere und kleinere Knochenstücke liegen bunt verteilt in der Wunde. Es blutet wie verrückt aus mehreren Venen unterschiedlichen Kalibers.

O-HAA!

„Willste einen Tourniquet zum Abbinden?“ fragt mich Silas.

„Nee, erstmal nicht. Pack sterile Kompressen und Mullbinden aus. Wir probieren es zunächst mit einem Druckverband!“

„Der Zugang liegt! Jetzt Volumen geben?“

„Häng erstmal einen halben Liter an. Warme Infusionslösung! Dann schauen wir, was der Blutdruck macht.“

Als ich beginne der Druckverband anzuwickeln stöhnt Manni vor Schmerzen. Und er kann sicher einiges vertragen… Seine Nerven liegen aber nun im wahrsten Sinne des Wortes „blank“. Ich halte die sterilen Kompressen erstmal mit der Hand und mit gerade soviel Druck auf die Wunde, wie Manni es ertragen kann.

„Silas, mach rasch Ketanest und Dormicum fertig!“ bitte ich den jungen Sani und dann weiter zu Manni:

„Ich gebe Ihnen gleich ein starkes Schmerzmittel!“

Silas und Hinrich, der zweite Sani vom RTW, sind blitzschnell mit den Spritzen fertig. Manni kriegt ein Beruhigungsmittel und ein sehr starkes Schmerzmedikament. Sein Gesichtsausdruck wird langsam gelöster. Dann hilft mir Johann beim Anlegen des Druckverbandes. Gottseidank – die Blutung steht nach nur wenigen Touren mit der Mullbinde.

„Bitte bewegen Sie mal die Finger!“ fordere ich den halb dösenden Patienten auf.

Manni versucht meinem Kommando zu folgen. Er strengt sich an und dennoch bewegt sich nur der Daumen.

Ich bestreiche seine Finger.

„Merken Sie das?“

Manni fühlt nur an der Rückseite seines Daumes und am Handrücken, daß ich ihn anfasse.

Diese Sensibilitätsstörung passt zu den beiden kaputten Nerven, die wir in der Wunde gesehen haben.

„Was macht der Blutdruck?“

„Ist jetzt 90 zu 50! Puls unverändert!“

„Ok. Mach weiter mit Infusionen. Wir fahren in die Handchirurgie nach Stuttgart. Ist zwar eine Strecke, aber da ist unser Patient gut aufgehoben! Bevor wir losfahren legen wir noch eine Schiene zur Stabilisierung an den Arm!“

Silas gibt mir die Schiene und gemeinsam stabilisieren wir den verletzten Unterarm. Dann geht es mit Blaulicht in Richtung Landeshauptstadt.

Unterwegs wird Manni wach und beginnt gleich zu schimpfen:

„So eine Scheiß-Woche: Sie glauben nicht, was ich in den letzten Tagen alles mitgemacht habe!“

Und dann erzählt mir Manni mit abgebrochenem Schneidezahn was ihm am Montag und Dienstag wiederfahren ist.

Wir geben ihm Recht: war bis jetzt wirklich eine Scheiß-Woche für ihn!

Kann nur besser werden!

kalender

PS: Ich weiß nicht, wie Mannis Geschichte endete. Meine unfallchirurgische  Erfahrung mit derlei Verletzungen ist, daß höchstwahrscheinlich Bewegungseinschränkungen zurückbleiben. Das Gefühl in Mannis linker Hand wird sicher nie mehr so werden, wie es mal war.

PPS: Viele andere meiner Geschichten gibt es als Ebook und als Taschenbuch ;-)

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis:  Eric Rothermel via Unsplash.com