2001. Vormittags. Kurz nach halb neun.

Die Mitte Zwanzigjährige im Sessel schaut mich aus großen, ängstlichen Augen an. Vor ihr steht ein Rollstuhl, hinter ihr ein junger Mann und von irgendwoher kläfft ein Hund ohne Unterlass. Groteske Situation.

Ich stelle mich kurz vor und frage dann:

„Wie können wir Ihnen helfen?“

Anja ist total aufgeregt, beinahe hysterisch und so überschlägt sich die Stimme der kleinen molligen Frau im Jogginganzug fast beim Schildern der Ereignisse:

„Ich war auf Toilette. Als ich zurück vom WC in den Rollstuhl kletterte wurde mir ganz schummerig. Dazu Schmerzen in der Brust. Ich bin fast ohnmächtig geworden!“

„Meine Frau war ganz blass und schwitzig. Da habe ich sie erstmal hier in den Sessel gesetzt und 112 angerufen!“ ergänzt der junge Mann.

„Wir werden Sie jetzt verkabeln, EKG, Blutdruck usw. Dann sehen wir weiter. Warum sitzen Sie denn im Rollstuhl?“ frage ich unsere Patientin.

Kurzatmig und mit panischem Tempo erzählt mir Anja, daß sie seit gut drei Wochen heftige Rückenschmerzen hat. Dazu ein lahmes rechtes Bein. Ihr Hausarzt habe ihr deshalb erstmal einen Rollstuhl verordnet, damit sie sich überhaupt noch rühren kann. Außerdem müsse sie nächste Woche in die Röhre. Kernspin vom Rücken. Eher gab es keinen Termin.

Während die drei Sanis Anja verkabeln, frage ich sie nach Vorerkrankungen, Allergien und regelmäßigen Medikamenten. Nichts. Alles ok. Scheinbar eine bis vor Kurzem komplett gesunde junge Frau.

Mike gibt mir die gemessenen Untersuchungsergebnisse. Blutdruck, Puls, Zucker und Sauerstoff im Blut: alles im Normbereich. Auch im EKG sehe ich nichts Auffälliges. Die Lunge hört sich mit dem Stethoskop gut an.

„Soweit ist erstmal alles in Ordnung!“ möchte ich Anja und ihren Ehemann beruhigen.

Mein Satz ist noch nicht beendet, da ringt die junge Frau plötzlich nach Luft, verdreht die Augen und sackt in sich zusammen.

Ich schaue auf den Monitor. Anjas Puls stürzt ab.

Nur noch 52. Der Überwachungsmonitor piept wie wild.

Puls 36.

23.

Null-Linie.

Sauerstoffgehalt im Blut 78%.

Anja atmet nicht mehr.

Es piept ohne Unterlass. Kein Pulsschlag an Anjas Hals. Die Halsvenen sind hingegen daumendick.


Kreislaufkollaps, Luftnot, Brustschmerzen, irre Angst und dick gestaute Venen am Hals – spricht alles für eine Lungenembolie.


Gemeinsam ziehen wir Anja vom Sessel auf den Wohnzimmerteppich. Bei diesem Manöver schiebt sich ihre Jogginghose an beiden Unterschenkeln hoch und wir sehen, daß Anjas rechtes Bein vom Knie an abwärts massiv geschwollen ist, fast doppelt so dick wie links. Da ist die Erklärung für die Lungenembolie: Anja hat dem Anschein nach eine fetzige Thrombose im rechten Bein.


Eine Thrombose ist eine Erkrankung von Blutgefäßen, bei der sich Blutgerinnsel in den Adern bilden. In der Mehrzahl der Fälle sind Venen der Beine betroffen. Eine häufige Ursache dieser Erkrankung ist fehlende Bewegung z.B. bei Bettlägerigkeit. Die Gerinnsel können über die Blutbahn zum Herzen und von da in die Lunge gelangen. Dort verstopfen sie dann Lungenarterien. Das „rechte Herz“ muss in der Folge gegen den entstehenden Blutstau in der Lunge ankämpfen, was zu einer schweren Herzbelastung führt. Weiterhin nehmen die betroffenen Lungenabschnitte nicht mehr am Gasaustausch teil. Sauerstoffmangel im Blut ist die Folge. Mehr zum Thema gibt es hier.


„Reanimation! Lungenembolie!“

Mike beginnt sofort mit der Herzdruckmassage, während mir Jan den Beatmungsbeutel zuwirft.

„Fritzi, mach Adrenalin fertig!“

Die junge Rettungsassistentin nimmt sich den Medikamentenkoffer.

Nachdem Mike 30 mal gedrückt hat presse ich zweimal Sauerstoff in Anjas Lungen. Mike drückt danach sofort weiter.

Fritzi hat das Adrenalin bereit.

„Ein Milligramm!“ sage ich ihr, und sie spritzt das Medikament, während Mike weiter rhythmisch auf Anjas Brustkorb drückt, und ich mit Maske und Beutel zwischendurch beatme.

Nach einer Minute ein Blick auf den Monitor. Nichts. Null-Linie. Weiterdrücken und beatmen. Die Sauerstoffsättigung steigt nicht vernünftig an. 83%. Viel zu wenig trotz 100% Sauerstoff per Maske.

Dann nochmal Adrenalin. Nach einer weiteren Minute ein erneuter Blick auf das EKG. Ja! Ein regelmäßiges EKG! Was ist mit dem Puls? Ein schneller Griff an die Halsschlagader. Ganz deutlich pulsiert die dicke Arterie unter meinem Finger. Anjas Kreislauf ist wieder zurück.

Mike schwitzt wie verrückt.

„Noch flott intubieren, dann einpacken und ab in die Klinik! Lysetherapie!“


Lysetherapie bedeutet, daß mittels bestimmter Medikamente Blutgerinnsel aufgelöst werden und so die Blutbahn wieder frei gemacht wird. Diese Art Behandlung wird u.a. auch beim Schlaganfall (Hirnarterien) und beim Herzinfarkt (Herzkrankgefäße) angewendet. Einige Rettungsdienste führen diese Medikamente in den Notarztwagen mit, andere machen das aus Kostengründen nicht. Mehr dazu gibt es hier.


Fritzi macht für die Intubation die Narkosemittel parat und spritzt sie dann in Anjas Vene. Kurz wirken lassen, jetzt kann ich den Beatmungsschlauch ohne Probleme in die Luftröhre schieben. Jan fixiert den Tubus mit breiten Klebestreifen auf Anjas Wangen, dann geht es auf die Trage und ab in den Rettungswagen.

Gerade als die Jungs Anja in den Rettungswagen schieben, fängt der Monitor erneut an zu piepen.

Wieder Null-Linie. Erneuter Herzstillstand.

„Rea!“

Jan beginnt mit der Herzdruckmassage. Die Beatmung läuft über die Maschine.

„Fritzi, gib mir die Spritze mit dem Adrenalin!“

Schnell ein Milligramm in die Vene. Dann wieder eine Minute warten, während Jan ohne Unterlass drückt.

Kurze Pause beim Drücken. Blick auf das EKG. Nichts. Weiterdrücken und nochmal Adrenalin.

Wieder Warten. Dann neuerliche Pause beim Drücken. Was zeigt das EKG?

Anja hat wieder einen Herzrhythmus. Auch einen Pulsschlag? Ich fühle nach der Halsschlagader. Da! Deutlich puckert es unter meinem Finger.

„Fritzi, ruf in der Klinik an und sag, daß wir in den Schockraum kommen! Lungenembolie, intubiert!“

Mit Blaulicht geht es in Richtung Krankenhaus.

Kurz nachdem wir gestartet sind, fängt es sintflutartig an zu regnen. Mike muss das Tempo vom Rettungswagen drosseln.

Piep! Piep! Piep!

Unser Monitor schlägt wieder Alarm. Erneuter Herzstillstand.

„Halt an!“ rufe ich Mike durch die kleine Luke zwischen Fahrerkabine und Patientenraum zu.

Als der Rettungswagen steht fängt Jan sofort wieder mit der Herzdruckmassage an. Ich spritze erneut ein Milligramm Adrenalin. Nach einer Minute ein Blick auf das EKG.

Null-Linie. Weiterdrücken. Dann nochmal Adrenalin. Weiterdrücken. Zwischendurch ein Blick auf das EKG. Nichts. Null-Linie. Mike löst Jan beim Drücken ab. Nochmal Adrenalin. Weiterdrücken. Kurze Pause und EKG-Check. Der Rhythmus ist zurück. Auch der Puls an der Halsschlagader.

„Arterenol-Perfusor. Dann weiter!“

Jan bereitet die Spritzenpumpe mit dem kreislaufunterstützenden Medikament vor. Als die Pumpe angeschlossen ist setzen wir unsere Fahrt fort. Zunächst geht es reibungslos weiter, ca. 15 Kilometer über die Autobahn. Dann runter von der A2. Jetzt sind es noch etwa drei Minuten bis zur Klinik.

Da piept der Monitor erneut!

Wieder Herzstillstand! Wieder kein Puls am Hals!

Ich entscheide weiterzufahren. Ohne Zwischenstopp so schnell es geht in die Klinik.

„Fahr sinnig weiter! Reanimation bis zur Klinik“ rufe ich Mike in die Fahrerkabine zu.

Jan drückt und wird dabei trotz vorsichtiger Fahrweise hin und her geschaukelt. Ich spritze nochmal Adrenalin.

Endlich am Krankenhaus. Wir werden schon an erwartet.

Jan drückt und drückt und drückt bis wir den Schockraum erreicht haben und er von einem Krankenpfleger abgelöst wird.

Ich mache eine schnelle Übergabe an den Internisten. Dann verlassen wir den Schockraum.

Mike raunt uns zu:

„So ein Dreck schon morgens vorm Frühstück. Das ist doch ein gebrauchter Tag!“

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PS: Ich habe mich am nächsten Tag in der Klinik nach Anja erkundigt. Sie starb 26-jährig trotz sofortiger Lysetherapie ohne das Bewusstsein nochmal erlangt zu haben.

PPS: Anja und Holger hatten erst vor einem halben Jahr geheiratet. Sie waren seit der siebten Schulklasse ein Paar.

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Lektorat: T. Kehler

Fotonachweis:  Jairo Alzate via Unsplash.com