Früher Abend im Herbst 2013. Es piept als ich gerade unter der Dusche stehe. Von oben bis unten voll Schaum. Murphys Gesetz!

In aller Eile und so gut es eben geht abduschen, abtrocknen und rein in die neuen Klamotten. Mit halbnassen Füssen in frische Strümpfe schlüpfen – eines der letzten Abenteuer dieser Welt…

„Bewusstseinsgestörte Person, weiblich, 71, Seniorenheim Agathe“ steht auf dem Display des Piepers.

Als ich endlich mit nassen Haaren in der Fahrzeughalle vor dem Notarztauto stehe, schaut mich Thilo ungeduldig an.

„Na Doktor, noch beim Friseur gewesen?“

Mit Blaulicht und viel Martinshorn geht es in den Nachbarort. Acht Kilometer in mehr als 20 Minuten Dank unendlich vieler Zuckerrübenlaster. Der gleichzeitig alarmierte Rettungswagen hat zum Glück eine deutlich kürzere Anfahrt.

Als wir das Seniorenheim erreicht haben, schnappe ich den Medikamentenkoffer und eile zusammen mit Thilo zum Haupteingang. Hier werden wir bereits von einer Mitarbeiterin des Heimes erwartet und in das zweite Obergeschoss zum Zimmer der „bewusstseinsgestörten Person“ begleitet. Meine Frage nach dem Grund des Notrufes beantwortet die junge Frau mit Schulterzucken und „ist nicht meine Station“.

Ilse liegt im Bett, ihr faltiges Gesicht ist eingefallen und ihre Augen sind geschlossen. Trotz Sauerstoffsonde in der Nase sind Ihre Lippen violett.

„Endlich seid ihr da! Die alte Dame hier schnauft seit gestern immer schlechter und schläft nur noch, obwohl sie erst vor drei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Bis heute morgen konnte man sich noch mit ihr unterhalten. Die Pflegekräfte wussten jetzt nicht weiter und haben 112 angerufen. Wir haben erst mal die Kreislaufwerte gemessen, ein EKG geschrieben und Sauerstoff gegeben!“ berichtet Vieze, einer der beiden Sanis vom Rettungswagen.

„Was habt ihr für Werte gemessen?“

„Blutdruck 100 zu 50, Puls 88, Blutzucker 110, Sauerstoffsättigung 83%!“

„Uih, 83% ist wenig! Da würde ich auch nur pennen!“ meint Thilo aus dem Hintergrund.

„Die Atemwege sind in Ordnung? Nichts im Rachen, was das Einatmen behindern könnte?“ frage ich bei Vieze nach.

„Habe ich doch als allererstes nachgesehen. Ich schlafe nicht aufm Baum!“ entgegnet er fast etwas beleidigt.

Ilse atmet zu langsam. Vielleicht sieben oder acht mal pro Minute. Normal wären 10, eher 12 Atemzüge. Mit dem Sauerstoff in der Nase kommt sie jetzt auf 90%. Das EKG ist unauffällig. Blutdruck und Blutzucker sind normal.

„Habt ihr in ihre Pupillen geschaut?“

„Alles ok. Schön rund und eher zu klein als zu groß“.

Ich wende mich an die betreuende Pflegekraft.

„Haben Sie irgendwas besonderes bemerkt? Hat die Dame gekrampft? Über Kopfschmerzen oder Übelkeit geklagt? Sonst irgendwelche Beschwerden geäußert?“

„Bei mir nicht“ antwortet der junge Pfleger.

„Und zu ihren Kollegen?“

„In der Kurve steht nichts und bei der Pflegeübergabe heute Mittag hieß es nur, dass Ilse palliativ ist!“

„Warum palliativ?“ hake ich schnell nach.

„Weiß ich nicht, ich hatte Urlaub!“


Palliative Behandlung hat im Gegensatz zur kurativen Behandlung nicht die Heilung einer Erkrankung zum Ziel. Sie kommt zur Anwendung wenn die Heilung ausgeschlossen ist (z.B. bei fortgeschrittener Krebserkrankung). Die Palliativtherapie hat u.a. die Linderung von Schmerzen zum Ziel. Mehr zum Thema gibt es hier.


„Eine Bombenhilfe der Junge!“ denke ich, verkneife mir aber einen Kommentar.

Ich gehe zu Ilse ans Bett und spreche sie an.

„Hallo, guten Tag, können Sie mich hören?“

Nix. Keine Antwort. Ich stupse Ilse an.

„HALLO!!! Hören Sie mich?“

Sie öffnet die Augen einen Spalt breit, was ihr sichtlich schwerfällt.

„Wir sind vom Rettungsdienst. Tut Ihnen etwas weh?“

Ilse schüttelt den Kopf. Und schon fallen ihr die Augen wieder zu.

„Gibt’s einen Arztbrief vom letzten Krankenhausaufenthalt? Einen Medikamentenplan?“ wende ich mich nochmal an den Pfleger.

„Ja, hier!“.

Er gibt mir ein Dokument mit der Überschrift „vorläufiger Entlassungsbericht“. In Windeseile überfliege ich die im Brief genannten Diagnosen. Herzschwäche, Nierenschwäche, Altersdemenz, Arteriosklerose usw. Die ganze Palette an typischen Erkrankungen des Alters. Aber keine einzige fortgeschrittene Erkrankung, die Ilse „palliativ“ werden lässt. Die genannten Medikamente erklären Ilses Zustand ebenfalls nicht.

Hier im Seniorenheim kommen wir nicht weiter. Die alte Dame muss ins Krankenhaus gebracht werden, wo dann mittels Laboruntersuchungen und Computertomografie etc. eventuell die Ursache ihrer Schläfrigkeit gefunden und behandelt werden kann.

„Wir bringen Ilse zurück in die Klinik, wo sie bis vor kurzem war!“

Thilo schnappt Ilses Bettdecke, um sie bei Seite zu legen. Da entdecken wir unter der Decke eine Infusionsleitung, die über Ilses Beinen verläuft.

„Was ist denn das?“ fragt Thilo und verfolgt die Infusionsleitung in beide Richtungen. Das eine Ende der Leitung endet mit einer speziellen Spritzkanüle in Ilses rechtem Oberschenkel. Das andere Ende der Leitung führt zu einem kleinen, grünen Kasten mit bunten Leuchtdioden, der zwischen Ilses Füßen liegt.

Eine Morphiumpumpe!

Das erklärt Ilses Zustand: zu langsame Atmung, Schläfrigkeit und wie Vieze sagte „eher zu enge Pupillen“.


Morphium ist ein sehr starkes Schmerzmittel, das auch in der Palliativmedizin gerne eingesetzt wird. Es macht als Nebenwirkung u.a. eine Engstellung der Pupillen und eine Minderung des Atemantriebes.


Ich gucke den Pfleger an, der schnell meinem Blick ausweicht und auf den Fußboden schaut.

„Wieso hat die Dame eine Morphiumpumpe?“ frage ich den jungen Mann.

„Äh, ja, äh, ich weiß auch nicht so genau. Kann sein, daß der Palliativdienst die Pumpe bei Ilse heute Mittag angelegt hat.“

Ich verstehe jetzt gar nichts mehr: im Entlassungsbrief steht unter den Diagnosen nichts was eine Morphium-Dauertherapie erklären könnte. Der Palliativdienst montiert dennoch eine Spritzenpumpe. Und von all dem weiß der junge Herr im Pfleger-Shirt nichts…

„Mach mal Narcanti fertig!“ bitte ich Thilo, der mir Minuten später die Spritze mit dem Gegenmittel für Morphiumvergiftungen reicht. Kurze Zeit nachdem ich das Medikament gespritzt habe macht Ilse die Augen auf und fragt uns was denn los sei.

Ich erkläre ihr kurz die Situation und daß wir sie zur Überwachung ins Krankenhaus mitnehmen müssen.

Eine halbe Stunde später sind wir in der genannten Klinik. Ich gehe zur diensthabenden Ärztin und beginne mit meiner Übergabe. Schon als ich den Namen der Patientin sage unterbricht mich die Kollegin:

„Och nee, nicht schon wieder. Ilse haben wir doch gerade erst entlassen. Ihr Dickdarmkrebs ist doch schon so weit fortgeschritten. Metastasen im ganzen Körper. Wir hatten doch extra den Palliativdienst zur Schmerzbekämpfung und Betreuung eingeschaltet!“

„Und warum steht das nicht im Entlassungsbrief?“ frage ich sichtlich irritiert.

„Steht nicht drin?“ fragt sie verwundert.

„Bei den Diagnosen jedenfalls nicht! Und da wäre es ja ganz gut aufgehoben!“ sage ich mit ironisch-bissigem Unterton.

Die Kollegin setzt sich an den Computer, tippt und macht und tut. Und dann:

„Oh, sorry! Der Kollege, der den Brief geschrieben hat, ist gerade frisch von der Uni und neu bei uns. Er hat versehentlich die wichtigste Diagnose ganz zuletzt genannt und wohl außerdem auch einen Formatierungsfehler gemacht. Der Dickdarmkrebs steht hier ganz unten in der Fußzeile bei den Krankenhauskontaktdaten. Sozusagen im Kleingedruckten…“

Mir fehlen die Worte.

Ilse hat eine unheilbare, schmerzvolle Erkrankung und steht kurz vorm Tod. Sie ist dabei (gewollt oder nicht) friedlich und schmerzfrei dank Morphium für immer einzuschlafen. Und wir „Deppen“ holen sie auf Grund fehlender Informationen und planlosen Betreuern zurück.

Irre Zustände. Ich möchte Feierabend machen.

Palliativ

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Lektorat: T. Kehler

Bildnachweis: https://www.ntnu.no/studier/vpalliativ