Jenni wälzt sich von links nach rechts. Immer und immer wieder schmeißt sie ihren Körper im Bett schmerzgeplagt hin und her. Sie krümmt sich in einem Moment und presst ihre Hände auf ihrem Unterbauch, Sekunden später bäumt sie sich auf, ihre Augen weit aufgerissen, grunzt sie vor Schmerzen.

Furchtbar. Was war passiert?

Süddeutschland 1999. Eine ruhige Schicht auf Wache 1 geht zu Ende. Frank und ich mussten nur zweimal mit dem Notarztauto ausrücken. Routinefälle: ein Herzinfarkt und ein Schlaganfall. Jetzt bereiten wir uns langsam auf den Feierabend vor: Mülleimer leeren, Geschirrspüler ausräumen, Betten abziehen. Um 19 Uhr beginnt die neue Schicht, unsere Ablöse sollte jeden Moment kommen.

Doof nur, daß es jetzt um 18.35 Uhr piept.

„weiblich, 14, unklares Abdomen“

Mit Blaulicht und Martinshorn kämpfen wir uns durch satten Berufsverkehr und benötigen beinahe 15 Minuten bis zur angegebenen Adresse in einem gutbürgerlichen Stadtteil der Metropole. Der Rettungswagen ist wohl nur kurz vor uns eingetroffen, die beiden Sanis laden gerade erst ihr Rettungsmaterial aus.

Ich schnappe mir die Medikamententasche und gehe in Richtung des Reihenhauses. Eine circa 40-jährige Frau steht an einer geöffneten Haustür und bittet mich herein.

„Kommen Sie, schnell. Unserer Tochter Jenni geht es nicht gut. Sie jammert schon seit heute Mittag als ich von der Arbeit heimgekommen bin. Gerade eben hat sie sich gekrümmt vor Schmerzen!“

Ich folge der Frau bis zu einem Raum aus dem grunzende Laute kommen. An der Zimmertür hängt ein Schild. „Hier wohnt Jenni!“. Daneben das Foto eines jungen Mädchens.

Zusammen mit der Mutter betreten die Sanis und ich das Kinderzimmer. Jenni bemerkt uns offenbar nicht, wälzt sich in ihrem Bett hin und her.

„Hallo, wir sind vom Rettungsdienst, was tut dir denn weh?“ frage ich sie.

Ihre Antwort ist ein einziges Grummeln. Ich verstehe sie nicht.

„Jenni ist seit ihrer Geburt geistig behindert. Sie kann nicht sprechen!“ gibt mir die Mutter einen wichtigen Hinweis.

„Wissen Sie wann die Schmerzen begonnen haben?“

„Mein Mann und ich lösen uns immer mit der Betreuung von Jenni ab. Als ich von der Frühschicht kam hat sie gerade angefangen zu wimmern. Vorher war scheinbar noch alles in Ordnung. Mein Mann hat nichts besonderes erzählt als er zur Arbeit ging“.

Ich setze mich zu Jenni ans Bett und versuche sie mit leiser Stimme zu beruhigen. Das geht gründlich in die Hose. Wie ein scheues Reh verkriecht sie sich in der hintersten Ecke ihres Bettes.

Jennis Mutter kommt mir zur Hilfe.

„Jenni Schatz, zeig dem Doktor mal deinen Bauch. Wo tut es dir weh?“

Nichts. Jenni bewegt sich zunächst keinen Millimeter. Dann durchzuckt sie erneut ein heftiger Schmerz. Mist, was können wir tun?

Ich bitte Frank und die beiden Jungs vom Rettungswagen Jenni an den Überwachungsmonitor anzuschließen. Das gelingt den drei erfahrenen Sanitätern trotz mehrfacher Versuche nicht. Jenni wehrt sich mit Händen und Füssen, immer wieder auch unterbrochen durch ihr Aufbäumen in den Schmerzattacken. So haben wir offensichtlich keine Chance Jenni irgendwie zu helfen. Sie lässt uns nicht an sich heran.

Ich bitte Frank Dormicum als „Nasentropfen“ aufzuziehen. Dieses Beruhigungsmittel kann in speziellen Situationen auch in die Nase getropft werden. Die Nasenschleimhaut resorbiert das Medikament in die Blutbahn, so daß es zum Gehirn gelangen und dort wirken kann. Als Frank das Medikament parat hat erkläre ich der Mutter meinen Plan. Sie möge ihrer Tochter die „beruhigenden Nasentropfen“ verabreichen. Nach kurzer Wartezeit, wenn Jenni dann schläfrig geworden ist, würden wir die junge Patientin an unseren Überwachungsmonitor anschließen, einen Tropf legen, Schmerzmittel geben und sie dann schnell in eine Klinik bringen.

So passiert es dann. Nachdem Jennis Mutter die „Nasentropfen“ verabreicht hat dauert es gut fünf Minuten bis das Mädchen beinahe einschläft. Schnell wird Jenni nun verkabelt. EKG, Blutdruck, Sauerstoffgehalt im Blut. In der Zwischenzeit lege ich mit Franks Hilfe einen Tropf.

Dann endlich eine erste Untersuchung von Jennis Bauch. Vorsichtig taste ich den Bauch ab. Der Unterbauch ist hart wie Stein. Keine Frage: eine fetzige Bauchfellentzündung. Die Ursache dafür bleibt zunächst unklar. Kann tausend Gründe haben: Entzündungen oder Verletzungen der Organe des Unterbauches.

„Bitte Novalgin und Buscopan!“

Frank macht die beiden Medikamente rasch fertig.

„Blutdruck 100 zu 50, Puls 140, Sättigung 98%!“

„Danke!“ entgegne ich dem älteren der beiden RTW-Sanis.

Nachdem ich Jenni die beiden Medikamente gespritzt habe legen wir sie gemeinsam vorsichtig auf unsere Trage.

„Wir bringen ihre Tochter in das Heilig Geist Krankenhaus. Da ist alles unter einem Dach: Chirurgie, Kinderheilkunde, Gynäkologie, Urologie.“

Mit Blaulicht und Martinshorn ist Jenni 20 Minuten später in der genannten Klinik.

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PS: Der Grund für Jennis Unterbauchschmerzen ist gleichermaßen unfassbar wie erschreckend. In der Klinik wurde eine Eileiter-Schwangerschaft festgestellt. Als Verursacher der Schwangerschaft wurde später Jennis Vater identifiziert. Er hatte seine behinderte Tochter über Jahre sexuell missbraucht. Wohlwissend, daß sie nie darüber reden wird…

PPS: meine Geschichten gibt es auch als Ebook und als Taschenbuch ;-)

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Lektorat: T. Kehler

Bildnachweis: Nick Wilkes via unsplash.com