Vorwort

„Fehler vermeidet man, indem man Erfahrung sammelt. Erfahrung sammelt man, indem man Fehler macht.“ (Laurence Johnston Peter, amerikanischer Managementberater)

Die folgende Geschichte soll ausdrücklich keine Kollegenschelte sein! Vielmehr habe ich sie aufgeschrieben, um mich auch selbst immer wieder darin zu erinnern, das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen.


Süddeutschland im Frühsommer 2009. Heute war es ein ruhiger Tag auf unserer Rettungswache. Ein, zwei unspektakuläre Einsätze. Nichts Aufregendes.

Gegen 22.15 Uhr piept es bei Marcel und mir. Unsere Ruhe ist schlagartig zu Ende.

„Verlegung; Krankenhaus A – Schockraum >>> Krankenhaus B – Neurologie“.

Mit Blaulicht erreichen wir das Krankenhaus im gegenüber gelegenen Stadtteil nach 15 Minuten. Der zur Verlegung bestellte RTW steht bereits vorm Krankenhaus. Ich nehme die Mappe mit den Notarztprotokollen und gehe zum Schockraum.

Als ich den Raum betrete sehe ich eine Vielzahl von Klinikmitarbeitern, Krankenschwestern und Ärzte. In ihrer Mitte ist Albert. Der ältere Herr, vielleicht 80 Jahre alt, liegt auf der Krankentrage, hat einen Beatmungsschlauch im Hals, seine Augen sind geschlossen. Der Monitor zur Überwachung seines Kreislaufs gibt ein gleichmäßiges, ruhiges Piepsen von sich.

„Hallo, wir sind die Verlegungstruppe. Worum geht es denn?“

Eine jüngere Frau in Notarztkleidung tritt auf mich zu und berichtet mir über die Hintergründe:

„Ich wurde als Notärztin um 20.00 Uhr zu dem Patienten gerufen. Sein Sohn hatte beobachtet, wie er ohne Vorwarnung zuhause plötzlich bewusstlos wurde und umfiel. Als ich nach circa 10 Minuten bei ihm war, hat er kaum noch geatmet und die Pupillen seiner Augen waren schon extrem weit. Ich habe ihn intubiert und dann hierher gebracht. Die erste Computertomografie seines Kopfes in unserer Klinik hat eine Basilaris-Thrombose gezeigt.“


Bei einer Thrombose der Arteria basilaris kommt es zu einem Verschluß einer wichtigen Arterie im Bereich des Gehirnes. Diese Arterie versorgt den Hirnstamm, bei manchen Menschen zusätzlich das Kleinhirn und Anteile der hinteren Großhirnrinde (Sehrinde). Beim Verschluss dieses Blutgefäßes resultiert eine Minderdurchblutung der genannten Hirnareale, was zu typischen Ausfällen führt, u.a. Bewusstseinsstörung, Verlust des Atemantriebes (Stammhirn), Sehstörungen und Pupillenerweiterung (Sehrinde), Bewegungsstörungen (Kleinhirn). Die notärztlichen Maßnahmen beschränken sich in der Regel auf den möglichst schnellen Transport in eine auf Schlaganfälle spezialisierte Klinik (sog. Stroke Unit; Schlaganfall Einheit). Dort wird rasch versucht das verstopfte Blutgefäß wieder durchgängig zu machen, so daß das entsprechende Hirngebiet wieder mit Sauerstoff versorgt werden kann. Entweder passiert das mechanisch mittels eines Katheters oder chemisch mit „Blutpropf-auflösenden-Medikamenten“ (Lysetherapie). Je mehr Zeit zwischen Schlaganfall und Stroke-Unit-Therapie vergeht, je schwerwiegender sind die Folgen für das Gehirn (Lähmung, Koma, Tod). Knapp auf Englisch zusammengefasst: „Time is brain!“. Nähere Infos gibts hier.


Die Ärztin berichtet weiter:

„Wir haben dann anschließend auch noch ein CT der Halswirbelsäule gemacht.“

„Warum?“ frage ich irritiert.

„Immerhin ist der Mann ja gestürzt!“

„Aber er trägt doch einen schützenden Halskragen!“

Die Ärztin zuckt schnippisch mit den Schultern.

„Ich habe den Mann in Klinikum B zur weiteren Behandlung angemeldet.“

Ich schaue auf meine Uhr. Es ist jetzt 22.45 Uhr. Schon fast drei Stunden sind seit dem Ereignis vergangen.

Ich bitte Marcel und die beiden Sanis vom RTW Albert auf unsere Trage zu legen und ihn an unseren Überwachungsmonitor und unser mobiles Beatmungsgerät anzuschließen.

„Wo ist die CD mit den Bildern der Computertomografie?“ frage ich die Ärztin.

„Wird gerade noch gedruckt. Sie müssen warten!“.

Wieder vergeht Zeit…

Meine letzte Frage, ob Albert direkt auf die Stroke Unit gebracht werden soll oder zur Aufnahmestation.

„Nein, nein. Stroke!“ kommt die Antwort ohne jeden Zweifel.

Wir machen uns um 23.20 Uhr auf den gut 20 Kilometer weiten Weg in die Nachbarstadt. Dazu brauchen wir trotz Blaulicht und fast leeren Straßen nochmal eine gute Viertelstunde. Der Transport ist unkompliziert, Alberts Kreislauf stabil. Ein Blick in seine Augen: riesige Pupillen, ich sehe fast nur schwarz. Als wir das Krankenhaus erreichen, erkläre ich dem RTW-Fahrer den Weg über das verwinkelte Klinikgelände, um ohne Zeitverlust direkt zur Stroke Unit zu gelangen. Schnell Albert ausladen, Fahrstuhlknopf drücken, dann hoch in die erste Etage. Es ist 23.40 Uhr als wir in die verdutzten Augen der diensthabenden Krankenschwester schauen.

„Nein, bei uns ist niemand angemeldet! Warten Sie kurz, ich rufe mal unsere Ärztin an!“

Wieder warten.

„Sie werden nicht hier, sondern auf der Aufnahme erwartet!“

Bitte lieber Gott mach, daß das alles nur ein Traum ist!

Endlose Wege durch das Krankenhaus. Wir erreichen um kurz vor Mitternacht die Aufnahmestation. Fast vier Stunden nach dem Ereignis!

„Da sind Sie ja endlich! Ich erwarte Sie schon dringend!“

Albert wird sofort von den Mitarbeitern der Neurologie in den Eingriffsraum gebracht, wo unmittelbar mir der wichtigen Therapie begonnen wird.

joshua-ness-189165

PS: Die Lysebehandlung konnte den verschließenden Blutpropf in der Arterie rasch auflösen. Leider zu spät. Alberts Gehirn war bereits derart geschädigt, daß er nach zwei Tagen auf der Intensiv verstarb. Das Bewusstsein hatte er nie mehr wieder erlangt.

PPS: Notfallmedizin birgt besonders fiese Fallstricke. Die Gründe sind vielfältig: wir haben kaum Informationen zu unseren Patienten. Ebenso sind unsere diagnostischen Möglichkeiten sehr eingeschränkt, kaum mehr als unsere Sinne.

Was hätte in diesem Fall besser laufen können?

Zunächst sollte ein Patient immer in die „nächste geeignete“ Klinik gebracht werden. Ein Patient mit einer Hirnschädigung als Hauptverdachtsdiagnose (was bei den weiten Pupillen auf der Hand lag) also wohl immer in ein Krankenhaus mit einer neurologischen Abteilung. Bei Verdacht auf eine Hirnblutung wird eine neurochirurgische Abteilung benötigt. Albert wurde zunächst in ein Krankenhaus gebracht dem diese Abteilungen fehlen.

Der nächste Grundsatz, der in der Klinik A übersehen wurde lautet: „treat first what kills first“ – behandle zuerst, was zuerst tötet. In diesem Fall hätte das bedeutet, Albert sofort nach Kenntnis der Diagnose „Basilaristhrombose“ in eine geeignete Klinik zu verlegen. Sicher nicht erst noch die Halswirbelsäule langwierig untersuchen.

Schlussendlich sollte die Kommunikation an den Schnittstellen (Krankenhaus / Rettungsdienst) eindeutig sein. So hätten wir keine Zeit verloren, wenn uns der richtige Zielort angegeben worden wäre.

PPPS: Eine andere Erfahrung in Kliniken lautet: „Einmal Scheiße, immer Scheiße!“. Bedeutet: wenn erstmal etwas verkehrt gelaufen ist (in diesem Fall falsches Krankenhaus), dann gibt es eine große Chance, daß weitere Behandlungen mißlingen (unnötige, zeitraubende Untersuchung; falscher Zielort). Murphys Gesetz?

PPPPS: meine Geschichten gibt es nun auch als Ebook und ab 7.7.17 als Taschenbuch ;-)

PPPPPS: Du möchtest keine meiner Geschichten verpassen? Klick einfach oben auf dieser Seite „Gefällt mir“. Oder direkt auf meiner Facebook-Seite: facebook_button

Hier geht es zurück  zur Übersicht von meinem Blog.

Lektorat: T. Kehler

Bildnachweis: Joshua Ness via unsplash.com