Hannover Anfang der 2000er Jahre. Am Nachmittag gegen 17 Uhr piept es gleichzeitig bei Heinz und mir in der Hosentasche.

„männlich, Mitte 20, laufende Reanimation“ steht auf dem Display des Melders.

Puls 180. Von jetzt auf gleich.

Hastig ziehen wir unsere Stiefel und Einsatzjacken an und laufen zum Notarzt-Auto. Trotz Blaulicht und Martinshorn geht es nur quälend langsam entlang der Herrenhäuser-Gärten: einzelne Verkehrsteilnehmer scheinen uns völlig zu ignorieren.

„Man, Oppa, mach Dich aus dem Weg!“ schreit Heinz in Richtung des uns vorausschleichenden Opel Astra und spricht mir aus dem Herzen.

Nach acht Minuten erreichen wir zeitgleich mit dem Rettungswagen die uns von der Leitstelle genannte Adresse. Ein dreistöckiges Mehrfamilienhaus einer Arbeitersiedlung der niedersächsischen Landeshauptstadt. Flott nehmen wir unser Equipment aus dem Kofferraum des VW-Busses und hasten zum Hauseingang. Dort empfängt uns ein gelangweilt dreinschauender, ungepflegter Mittdreißiger in schmuddeligem Jeansanzug.

„Dritte Etage rechts werdet Ihr erwartet!“

Tür auf und die Treppen hoch. Heinz wird versehentlich vom EKG des hinter ihm laufenden Sanis am Fuß getroffen, kommt ins Straucheln und stürzt samt Rucksack auf den zweiten Treppenabsatz. Ein kurzes „Sorry“, dann rappelt er sich wieder auf.

Die rechte Wohnungstür im dritten Obergeschoß steht offen.

„Hallo? Jemand da? Wo müssen wir hin?“

Aus einem Zimmer in der Mitte des Flures höre ich ein „Hierher!“.

Nach zwei, drei schnellen Schritten stehe ich in einem Raum, der mich sehr an meine Junggesellen-Studentenbude in Marburg erinnert: Wohn-, Schlaf- und Ess-Zimmer in einem. Ein wichtiges Detail macht aber doch den Unterschied: in der Mitte des Raumes liegt Kevin, ein junger, hagerer, für die Jahreszeit zu braun gebrannter Mann, offenbar leblos. Über ihm kniet Sebastian. Er drückt kraftlos und viel zu langsam auf das Brustbein des Leblosen.

„Einer übernimmt das Drücken! Dann den Beatmungsbeutel für mich und das EKG fertig machen!“ sage ich zu den Sanis und weiter zum Ersthelfer:

„Was ist passiert?“

„Keine Ahnung. Kevin war es schon seit Mittag schlecht, und er hatte Kopfschmerzen. Gegen drei ist er auf die Toilette gegangen. Als er nach ner knappen Stunde immer noch nicht wiederkam, hab ich nach ihm geschaut. Da lag er dann zwischen Waschbecken und Toilette. Hat nicht mehr geatmet. Da hab ich ihn hierher gezogen und sofort mit Erster-Hilfe angefangen!“

„Hier, nimm!“

Heinz gibt mir den Beatmungsbeutel. Schnell ein Blick in die Mundhöhle des Leblosen: Reste von Erbrochenem, die schnell mit den Fingern entfernt werden können. Jetzt drücke ich die Maske fest auf Kevins Gesicht und presse ich einige Male Sauerstoff in seine Lungen.

„Wie lange haben Sie schon gedrückt?“

„Eine halbe Stunde. Vielleicht etwas mehr. Ich habe ja Kraft und weiß wie es geht! Dachte das schaffe ich auch allein. Kevin hatte immer große Pupillen. Das ist ja gut. Habe ich im Fernsehen gesehen!“

Ich traue meinen Ohren nicht! Ein Blick in Kevins grüne Augen bestätigt das eben Gesagte. Die Pupillen sind weit. Riesig groß und ohne Reaktion auf mein Taschenlampenlicht. UND DAS IST NICHT GUT!

Der jüngere der beiden Sanis vom Rettungswagen schneidet fix Kevins Baumwollhemd auf, um danach die beiden EKG-Elektroden auf dessen Brustkorb zu kleben. Der erste Blick auf das EKG. Keine Herzaktion. Null-Linie.

„Weiter drücken! Zugang und Adrenalin!“

„Hier haste schon mal den Tubus!“ sagt Heinz und reicht mir den Beatmungsschlauch. Als ich mich über Kevins Kopf beuge und gerade den Rachenspatel in seinen Mund schieben will, sehe ich violette Flecke hinter seinem rechten Ohr und am Übergang vom Hals zum Nacken. Ich lege den Spatel nochmal kurz zur Seite und schaue mir die dunklen Areale genau an. Ganz deutlich: violette Flecke umgeben von sonnengebräunter Haut. Kein Zweifel!

„Wir können aufhören! Kevin ist tot!“

Sebastian und die Sanis schauen mich fragend an.

„Hier, am Nacken und hinter den Ohren. Totenflecke!“

Fassungslosigkeit. Sebastian guckt betroffen zu Boden und beginnt zu weinen.

Ich bitte Heinz die Polizei zu verständigen, wie es das Gesetz vorschreibt, wenn die Todesursache „ungeklärt“ oder „nicht natürlich“ ist.

Während die Sanis unser Material wieder zusammenräumen sehe ich mich im Badezimmer um. Vor der Toilette ist eine Lache aus Erbrochenem. Sonst eigentlich nichts besonderes. Ein normales, kleines Badezimmer, denke ich und will den Raum schon verlassen, als mein Blick eine kleine Kugel, kaum größer als eine Pflaume, neben der Toilette entdeckt. Bei näherem Betrachten zeigt sich ein zugeknotetes, pralles Kondom…

PS: Nachdem ich die notwendigen Dokumente ausgefüllt hatte, habe ich mich noch bis zum Eintreffen der Polizei mit Sebastian unterhalten. Er erzählte mir, daß Kevin erst am Morgen seines Todestages von einem Costa Rica Urlaub zurückgekehrt sei. Und ja, irgendwas mit Drogen habe er wohl zu tun gehabt.

Die staatsanwaltlich angeordnete Obduktion hat dann meine Verdachtsdiagnose bestätigt. Kevin war ein sog. „body packer“, d.h. ein Drogenkurier, der in Kondomen eingepacktes Rauschgift schluckt und in seinem Magen-Darm-Trakt verborgen über Grenzen schmuggelt. Eines der insgesamt 15 Päckchen zeigte sich bei der gerichtlichen Leichenöffnung als undicht. Die laborchemische Untersuchung hat Kokain in den Kondomen nachgewiesen.

Kevins Darm hat die Droge dann nach und nach in die Blutbahn resorbiert, was nach erreichen eines bestimmten Kokain-Blutspiegels erst zu Übelkeit, Kopfschmerzen und Erbrechen, dann zu seinem Tod führte (Herzrhythmusstörungen, Herzminderdurchblutung).

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Symbolbild. Im roten Kreis sind die kleinen Drogenpakete im Dickdarm markiert.

PPS: meine Geschichten gibt es nun auch als Ebook und ab 7.7.17 als Taschenbuch ;-)

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Lektorat: T. Kehler

Bildnachweis:

  • Titel von https://goo.gl/images/kEwXrW;
  • CT-Scan von http://www.zora.uzh.ch/84503/1/Markun-et-al_Bodypacking.pdf