Sommer 1986. Unter lautem Flapp-Flapp-Flapp der Rotorblätter erhebt sich der gelbe Hubschrauber. Nach 30 Metern senkrechtem Aufstieg neigt sich die Bo 105 nach vorn und nimmt geraden Kurs in Richtung Westen.

„Hausgeburt“ ist das knappe Stichwort auf dem Fax, das uns in den Einsatz schickt.

Ich habe gerade das Physikum am Ende des zweiten Studienjahres bestanden. Das Ende meines Medizinstudiums ist also noch lange nicht in Sicht. Auf dem langen Weg bis zum dritten Staatsexamen sind jetzt mehrere Praktika im Krankenhaus vorgesehen. So verbringe ich heute meine dritte Woche in der Narkoseabteilung eines großen Stadtkrankenhauses in Süddeutschland. Nach zwei ahnungs- und hilflosen Wochen im OP neben dem Narkosegerät nun eine Woche Intensiv- und Notfallmedizin. Inklusive Rettungshubschrauber-Praktikum.

Nach nur sieben Minuten schweben wir über dem kleinen Dorf. Am gegenüberliegenden Dorfrand stehen wild winkende Menschen. Manfred unser Pilot landet in atemberaubendem Tempo auf einer sattgrünen Weide neben der Menschengruppe. Bei noch laufenden Rotoren steigen Notarzt Harry, Sani Olli und ich aus dem Hubschrauber aus. Nach wenigen Metern müssen wir über den Weidezaun klettern. Ein aufgeregter Mann nimmt uns in Empfang und läuft uns dann voran zum angrenzenden Fachwerkhaus.

„Unser Hausarzt Doktor Meier ist schon da. Meine Frau bekommt Zwillinge. Es ging plötzlich los. Eigentlich sollte die Geburt erst in gut drei Monaten sein!“

Ich kann mit dem schweren Notfall-Koffer Harry und Olli kaum folgen. Es geht ins Schlafzimmer der Familie. Der Hausarzt hält ein winziges nacktes Bündel Mensch auf dem Arm und presst mit seinen bloßen Lippen Luft durch Nase und Mund in den kleinen Körper. Als er uns sieht unterbricht er.

„Frau Schmidt ist in der 25. Schwangerschaftswoche mit Zwillingen. Vorhin hatte sie den Blasensprung und unmittelbar danach setzten sofort heftige Wehen ein. Es ging alles rasend schnell. Dieses Kind hier ist das Erstgeborene. Das zweite Kind hat sie vor kurzem geboren. Es liegt bei ihr. Die Kinder haben gute Herztöne!“

Der erfahrene Notarzt gibt erste Anweisungen.

„Olli! Manfred soll mit dem Hubschrauber sofort einen Kinder-Intensivmediziner aus der Kinderklinik holen“.

Der Sani lässt gleich alles stehen und liegen und rennt zum Heli zurück, um Manfred mit diesen Infos wieder in die Luft zu schicken.

Nun geht alles rasend schnell. Harry reißt den ersten Koffer auf, drückt mir den Kinderbeatmungsbeutel in die Hand, nimmt das Baby aus den Armen des Hausarztes und legt es sanft vor mir auf ein Sessel.

„Drück mit nur zwei Fingern 20-30 mal pro Minute Luft in das Kind. Und achte drauf, daß die Maske gut um Mund und Nase sitzt!“

Dann reicht er mir noch ein Päckchen mit Goldfolie.

„Wickel aber zuerst das Baby in die Wärmefolie ein!“

Mir zittern die Hände. Ich bin völlig überfordert. Hätte gerne zehn Arme, kann aber nicht mal mit zwei Armen irgendwas koordiniert erledigen. So kriege ich kaum die Packung mit der Folie auf. Letztlich öffne ich das Paket mit den Zähnen, entfalte das goldene Tuch und krempel es irgendwie um den kleinen nackten Menschen. Dann schnell die Beatmungsmaske auf sein blitzeblaues Gesicht und drücken, drücken, drücken.

Harry hat sich in der Zwischenzeit der Mutter und dem zweiten Winzling zugewendet. Das Kind hängt noch an der Nabelschnur. Zusammen mit dem Hausarzt wird das Baby in Sekunden abgenabelt. Und jetzt? Keine Goldfolie mehr da. Harry schickt den Vater der Zwillinge los, um Alufolie aus der Küche zu holen. Dann reißt er ein gutes Stück davon ab und wickelt das darin Kind ein, so das nur noch der Kopf herausragt. Der Hausarzt kümmert sich im Weiteren um die Mutter.

Olli ist zurück. Hat die kleine Absaugpumpe in der Hand und reicht Harry den dazugehörigen Katheter. Vorsichtig schiebt er den dünnen Schlauch in Mund und Nase des zweiten Babys und saugt Schleim und Fruchtwasser aus den zarten Atemwegen.

Nichts. Keine Reaktion des Winzlings. Kein Husten. Kein Schreien. Harry legt das Baby auf das Bett, kniet sich vor es hin und beginnt sofort mit der Mund-zu-Nase-Beatmung. Unser Equipment ist nur für ein Kind ausgelegt.

Olli nimmt unser EKG und klebt dem Säugling, den ich beatme, die vier Elektroden auf die violette Brust. Piep. Piep. Piep. In Affentempo rast das kleine Herz. EKG ab, hin zum zweiten Kind. Gleiches Vorgehen. Gleiches Ergebnis. Das Herz schlägt. Harry pustet mit seinem Mund, ich drücke auf den Beutel.

Der Vater läuft wie ein Tiger im Käfig hin und her und her und hin. Ich spüre seine Sorgen, seine Ängste. Ich konzentriere mich auf „mein“ Baby. Maske dicht? Stimmt die Beatmungsfrequenz? Reagiert der kleine Mensch?

So geht es ewig. Harry lässt sich vom Hausarzt beim Beatmen ablösen und kommt zu mir.

„Gut so, wie Du es machst! Kannste noch oder soll ich Dich ablösen?“

Ich kann noch. Bin wie getrieben. Muss noch können. Bin völlig fokussiert auf den Beatmungsbeutel, die Maske auf dem kleinen Gesicht, die zwei drückenden Finger meiner rechten Hand.

Wir sind jetzt sicher schon fast 30 Minuten hier. Da höre ich endlich den Hubschrauber im Landeanflug. Minuten später kommt der angeforderte Kinderarzt in den Raum. Ein einziger Gedanke schießt mir durch den Kopf: Jetzt wird ja dann alles gut!

Harry gibt dem Pädiater eine kurze Übergabe, beatmet dann sofort weiter. Der Kinderarzt greift in seine Kitteltasche, holt ein Stethoskop raus und geht zunächst zum Neugeborenen im Ehebett. Er öffnet die Alufolie, horcht gründlich auf den kleinen Brustkorb, während Harry weiter mit dem Mund Luft in das Kind presst. Dann bedeutet er Harry aufzuhören, schüttelt den Kopf und schließt die Alufolie über dem Kopf des Kindes.

Dann kommt er zu mir. Mir springt mein Herz aus dem Hals. Ich drücke und drücke und drücke auf den Beutel. Dieser kleine Mensch wird doch aber noch zu retten sein! Der Kinderarzt öffnet die Goldfolie, hört auf die Lungen des Babys, legt dann seine Hand auf meine Schulter, schaut mich an, schüttelt abermals den Kopf und bedeckt den Kopf des Kindes mit einem Zipfel der Goldfolie.

Es ist still.

Scheiße. Medizin kann doch nicht alles.

engel

PS: Ende der Achtziger lag das Überleben von frühgeborenen Zwillingen in der 25. Schwangerschaftswoche unter optimalen, d.h. Krankenhaus-Bedingungen (!) bei unter 50%. Das Problem im o.g. Fall war die fehlende Lungenreife. Näheres zu Frühgeburtlichkeit gibt es hier.

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Bildnachweis: Raffaels Engel