Es piept gegen Mitternacht. „Aggressive Person, Fremdgefährdung, Psych., Parkplatz BAB“.

Was ist das für eine Meldung? Hatte ich noch nie. Ab ins Auto. Mit Blaulicht geht es erst über die Landstrasse zur Autobahnauffahrt, dann noch gut 20 km auf der Autobahn Richtung Süden. Der kleine Parkplatz ist brechend voll. Schon die Einfahrt durch einen parkenden LKW versperrt. Till parkt unser Notarztauto auf dem Standstreifen zwischen Autobahn und Parkplatz. Behende steige ich über die Leitplanke. Aaaah, Scheisse. Ich schlage mir im Halbdunkel voll das Schienbein an – da tränen die Augen, ob du willst oder nicht.

Auf dem Parklatz angekommen winkt mir ein Polizist zu, bin hier scheinbar richtig. Als ich näher komme bittet er mich in den RTW einzusteigen.

RTW-Tür auf und rein.

Drinnen liegt ein riesiger Mann in schwarzen Motorradklamotten . Vielleicht 35 Jahre alt. Mit Handschellen an die Trage gefesselt ! Zwei Polizisten halb kniend auf dem wütenden Kerl. „Guten Tag, ich bin der Notarzt, wie kann ich helfen?“

„Du Arschloch, hilf mir. Die Schweine haben mich hier angebunden“ Upsi… Was?

„Ihr dreckigen Bullen-Schweine, lasst mich zufrieden. Ich habe nix gemacht ihr Wichser“. Starker Tobak.

„Der Mann war Passanten auf dem Parkplatz aufgefallen. Erst isser wohl überall rumgetorkelt. Später hat er sich neben sein Motorrad gelegt. Die Leute haben dann den Rettungsdienst und uns verständigt“ berichtet einer der Polizisten. „Als wir ihn ansprachen und aufweckten ist er gleich ausgerastet und hat um sich geschlagen!“ so der andere Polizist. „Mit Verstärkung haben wir ihn dann überwältigt und hier erstmal festgemacht. Bitte sehr, jetzt sind Sie dran!“. Sagts und grinst…

Hmm. Ok.

„Hallo, können Sie mir sagen wie Sie heissen?“

„ARSCHLOCH. Leck mich!“

„Ich möchte Ihnen gerne helfen, dazu müssen Sie nur, wenn es geht, irgendwie etwas mitarbeiten“.

„Fick dich!“

Sekunden später: Rumms!  Einer der Polizisten fliegt quer durch den Rettungswagen. Unser Patient hat ihn von sich weggetreten… In der Tat „Fremdgefährdung“. Akute Psychose?

Ich bespreche mich schnell mit Till. Wir müssen den Mann beruhigen. Mit Worten ist das scheinbar nicht möglich – also muss Midazolam helfen, ein Beruhigungsmittel.

Als alles vorbereitet ist gibt es nochmal einen riesen Kraftakt für die ganze Truppe: mit äusserster Anstrengung wird der Motorradfahrer nochmal auf der Trage fixiert und zwar so, dass ich ihm sicher einen Tropf legen kann. Schnell die Nadel abgeben und alles gut festkleben.

„Zucker 20“ ruft mir der Sani zu, dem ich die Nadel gab. Da liegt das Problem! Keine Psychose! Der Mann ist unterzuckert! Deshalb wohl komplett ausser Kontrolle…

„8 Gramm Glucose“.

Till zieht mir den Traubenzucker auf, zack, und rein in die Ader. Wieder warten. Nach ein, zwei Minuten: „Hallo? Können Sie mich hören?“ spreche ich den Mann an – „Wo bin ich?“, die dämmerige Antwort. Nochmal einen Zuckertest. Diesmal  messen wir 78 Milligramm. Das ist immer noch nicht gut. „Bitte nochmal 4 Gramm Zucker“. Als auch die in der Ader sind und der Patient sichtlich friedlich bleibt, bitte ich die Polizisten ihn zu befreien.

Der nächste Zuckertest ist in Ordnung. Unser Patient ist zwar noch immer schläfrig, aber die weitere körperliche Untersuchung ergibt keine Auffälligkeiten.

Als wir 25 Minuten später die Klinik mit dem RTW erreichen ist er deutlich wacher. Er sei zuckerkrank, Thomas wär sein Name, und ja, er müsse seit seinem achten Lebensjahr Insulin spritzen. Hätte er heute auch gemacht, scheinbar aber zu wenig gegessen.

Er wollte doch nur noch eben mit seinem Motorrad über die Autobahn zu seiner Freundin in die Nachbarstadt fahren.

Thomas‘ Schutzengel haben fraglos ganze Arbeit geleistet. Ab der Autobahnauffahrt 50 km nördlich von uns fehlt ihm jegliche Erinnerung…

autobahn

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