es piept am frühen abend. die knappe auskunft auf dem alarmmelder: „verbrennung in psychiatrischer klinik“. ooo-haaa…

nach 10 minuten mit blaulicht und martinshorn durch den berufsverkehr sind wir am einsatzort. die pflegekräfte der geschlossenen erwachsenen-station haben uns schon erwartet. derweil wir durch scheinbar endlose stationsgänge marschieren, bekomme ich erste informationen. es geht um doris. 20 jahre alt. borderline-störung. ich bin irritiert. borderline – das sind doch diese mädchen, die sich selbst mit allem möglichen schneiden, um sich durch diesen schmerz wieder selbst spüren zu können. warum also „verbrennung in psychiatrischer klinik“? irrtum der rettungsleitstelle?

wir erreichen doris` kleines patientenzimmer. sie sitz auf ihrem bett. teilnahmslos. starrt ins leere. hat mich offenbar nullo bemerkt. so weit ist sie mit ihren gedanken weg. eine krankenschwester macht sitzwache. ich sehe kein blut auf dem boden, kein blut am strahlend weissen bettlaken.  stattdessen riecht es nach grill. scharf angebratenes. die sitzwache steht auf, greift doris`linken arm und  zeigt mir deren linke hand. oh gott… der komplette handrücken ist tief verbrannt, dunkelgrau, blasig. in ihrer hilflosigkeit haben die pflegekräfte bepanthen-creme draufgeschmiert, derweil sie auf uns warteten. die antwort auf meine frage nach der ursache der verbrennung haut mich fast um: das habe doris selbst gemacht. sie sei doch borderline krank. anstatt mit messer oder rasierklinge zu ritzen würde sie sich mit einem feuerzeug verbrennungen zufügen. was??? ich kann nicht mal für einen augenblick einen brennenden, zu kurzen streichholz festhalten. wie lange muss sie das feuerzeug an ihren handrücken gehalten haben, um eine derart tiefe verbrennung zu produzieren? wahnsinn…

wir machen unsere arbeit. schmerzmittel möchte sie nicht. nur einen verband.

wir bringen sie in die klinik, in der ich hauptamtlich als unfallchirurg arbeite. noch am selben abend werden ihr die verbrannten areale im operationssaal in narkose entfernt. die verbrennungen haben einzelne strecksehnen erreicht.

es folgen in den nächsten 3-4 wochen ca. 7 weitere operationen, bei denen jeweils abgestorbenes gewebe entfernt wird. einen grossteil dieser operationen habe ich selbst gemacht. so auch die letzte, bei der eine hautverpflanzung durchgeführt wurde, um den grossen handrückendefekt zu verschliessen. das war nicht so einfach, denn es gab kaum noch eine stelle an doris` körper mit „normaler“ haut. nach jahren der selbstverbrennungen   war ihre haut entweder durch frühere verbrennungen oder durch entnahme von spenderhaut nahezu überall verändert und ungeeignet. irgendwie gelang es dennoch, so dass wir nach ca. 6 wochen die behandlung glücklich abschliessen konnten.

genau einen tag später klingelte am frühen nachmittag mein klinikhandy. ich möge mal bitte in die ambulanz kommen. mich haut es fast weg: in kabine 3 sitz doris. diesmal isses die rechte hand…

hand2

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Lektorat: T. Kehler

Foto: privat